Werner Pirchner


 

Freund und Tonsetzer

Seine schwere Krankheit belastete die Musikszene Tirols. Es liegt wie eine Wolke über uns, sagte ein junger Instrumentalist vor einem Konzert. Das ist die Lösung: musizieren. Werner Pirchner ging unbeirrt seinen Weg. Institutionen und Stil-Diskussionen nahm er nicht, Johann Sebastian Bach und soziale Ungerechtigkeit sehr wohl zur Kenntnis. Er schrieb böse Lieder gegen die Kirche und war ein Preisegott. Mit der Eigenständigkeit seiner kraftvollen musikalischen Sprache trat er für Freiheit, Toleranz und Phantasie ein.

Pirchner komponierte nah an der Zeit. Seine "Fire Water Music" schildert die Vertreibung aus dem Paradies einer unverseuchten Natur. In der "Soiree tyrolienne" steht über einem Satz "Eins, zwei, drei - die Kunst ist frei!", und "Zwentendorf - Wackersdorf... Tschernobyl" ist ein "Konzert für Flöte, großes Orchester und kritischen Polizeichor". Pirchner formulierte die Quintessenz eines pazifistischen Weltbildes. Aber seine Musik ist abstrakter, als sie sich gibt.

Werner Pirchner wurde am 13. Februar 1940 in Hall geboren und lebte in Thaur. Er war Buchdrucker, Sängerknabe und Ziehharmonikaspieler. "Ende Juli 1958 Abschieds-Zettel für die Mutter: " Ich bin Musiker". Zunächst verdiente er seinen Unterhalt als Tanzmusiker. Als Vibraphonist wurde er ein Solitär und eine internationale Jazzgröße. Aber Pirchner spielte auf seinem Vibraphon auch Bach und setzte sich intensiv mit der E-Musik auseinander. Bach, Mozart, Schönberg waren seine Lehrer.

Pirchner suchte die Verbindung von Volksmusik, Jazz und E-Musik, er arbeitete mit Jack DeJohnette, Bobby McFerrin, vielen anderen Größen und intensiv mit Gitarrist Harry Pepl, mit dem er das legendäre Jazz-Zwio bildete, aber auch mit Ensembles der Wiener Philharmoniker und der Kontrapunkte. Man feierte ihn in der New Yorker Jazzszene und beim "Steirischer Herbst". Im Innsbrucker Treibhaus war er Mitglied Nr. 1 und der erinnerungsintensive Jazzkeller in der Hofgasse bewahrt noch heute den puren Swing seines zauberischen Vibraphons. Klangfeste, wo immer Pirchner musizierte.

Er schrieb klingende Destillate, die alle Grenzen aufhoben. Österreichs typisches Crossover der letzten zwei Jahrzehnte von den hochfeinen Tiroler Knödeln bis hin zu Herrn von Goisern wurzeln bei Pirchner, auch wenn ihm die Qualität der Nachahmer oft nicht die Referenz erweist. Pirchner war ein Perfektionist, Ein Musicoholic, der in kompromissloser Besessenheit vor allem an seinen Tonträgern arbeitete. "Das halbe Doppelalbum" hat 1973 viel Staub aufgewirbelt. Da nahm das große deutschsprachige Feuilleton Pirchner erstmals wahr. Er stieß an der Seite Christian Bergers 1974 mit dem Film " Der Untergang des Alpenlandes" nach, was ihm so mancher gute Bürger übel nahm.

Das offizielle Tirol verlieh 1986 Werner Pirchner den Tiroler Landespreis für Kunst. Als Pirchner mit hinaufgekrempelten Hemdsärmeln zur Verleihung erschien, zog der damalige Landeskulturreferent Fritz Prior kurzerhand auch den Rock aus. Das war mehr als eine Geste.

In den Achtzigern eroberte Pirchner Wien. 1981 gehörte ihm das Eröffnungskonzert "Die neue Reihe" im Konzerthaus. Die besten Musikkünstler kamen für ihn aufs Podium und das blieb so. Philharmoniker, Symphoniker und andere erstklassige Solisten erfrischten sich an seiner Qualität und Unverstelltheit. Aber es gibt auch Pirchner Musik für Blaskapellen und in der Unterrichtsliteratur. Als Werner Pirchner zum ersten Mal ein Orchester dirigierte, kam er nicht mit Dirigentenstab - er brach sich einen frischen Zweig vom Strauch. Klar verwandelte er das pralle Leben. Fetzig, witzig, originell, mit unzweifelhaften Wiedererkennungswert. Seine Bühnenmusik bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs 1982 für Mitterers "Stigma" und Herzmanovskys "Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter" ("Do You Know Emperor Joe") schrieb Geschichte und war für die Volksschauspiele ebenso prägend wie für Pirchner selbst.

Was H. C. Artmann und Ernst Jandl in der Literatur, war Pirchner, der ebenfalls Wortnahe, für die Musik. Aber da entstanden auch diese Musiken voller Trauer und Depression. Die Pole in Pirchners Musik markierten nicht E und U, sondern Leben und Tod.

E (Ernste Musik) und U (Unterhaltungsmusik), EU, so hieß die einschneidend bedeutende Schallplatte von 1986, der u. a. Aufnahmen des Vienna Art Orchestras, "Born for Horn", "A-NAA-NAS - BA-NAA-NAS" und "Dur" folgten.

Es ist nicht leicht, Werners Spuren zu folgen. Assoziationen, Weiterführendes, fast nur Wichtiges, keine Makulatur: "Du musst es präzise sagen". Da war der große Jazzer und der ernsthafte "E-ler, der Grübler und Erfinder und Lebensvolle. Konzerte, Bühnen- und Ballettmusiken, ein Pirchner- Werkverzeichnis (PWV), das die Hundertschaft überschritt - da war ein Kopf voll Musik.

Wo Nacht und Morgen einander begegneten, vier Bläser ein Streichquartett spielten, wo Witz und Verweigerung Angepasstes verspeisten, aus dem Fuchsloch Silberklänge stiegen und ein Komponierturm wuchs, war Werner Pirchner zu Hause. Er hinterließ in der Welt verschiedene Eindrücke, aber er war zwischen Thaur und New York immer derselbe. In Wien nannte man ihn Sonderling, Original, Berufsanarchist, Österreichs originellsten Haus- und Hofkomponisten, Alpentönler. Alles Quatsch. Und zum Teufel mit dem Sprichwort, kein Mensch sei unersetzlich.

(Ursula Strohal TT)

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