treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

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JULIA LACHERSTORFER: SPINNERIN. [a female narrative] :::

JULiA LACHERSTORFER: SPINNERIN. [a female narrative]

Wer alle Fäden in der Hand hält, hat sein Leben im Griff – verliert man hingegen den Faden, gerät der Erzählfluss ins Stocken. Derartige Redewendungen verweisen auf ein altes, ursprünglich ausschließlich von Frauen ausgeführtes Handwerk – nämlich jenes, des Spinnens. Während verheiratete Frauen dieser Tätigkeit in ihrem eigenen Zuhause nachgingen, trafen sich die Unverheirateten in sogenannten Spinnstuben, um gemeinsam der Handarbeit nachzugehen. Die nahezu meditative, sich verselbstständigende Arbeit ermöglichte dabei vor allem einen Rahmen, in dem Frauen sich verbal austauschen konnten. Auf diese Weise wurden nicht nur Fäden, sondern vor allem Geschichten gesponnen, die vom Leben erzählen. In unseren Volksmärchen steht das Spinnrad deshalb symbolisch für den Kreislauf des Lebens und für das Geschichtenerzählen an sich, für Anfang und Ende – Leben und Tod.
In ihrem Solo-Debüt Spinnerin [a female narrative] begibt sich Julia Lacherstorfer auf eine musikalische Spurensuche nach einer weiblichen Perspektive im österreichischen Liedgut und wirft zunächst Fragen auf: Wo sind all die Lieder, die von Verlusten und Überforderungen, Sehnsüchten und vom stillem Ertragen einerseits, andererseits von Verführung, Wut und Verweigerung erzählen? Warum sind sowenig Geschichten und Lieder überliefert, in denen sich Weiblichkeit selbst definieren darf?

Alles Suchen und Spinnen begann mit einer Erkenntnis: Die Lieder, die mir einst mein Großvater beigebracht hat, und die ich über alles liebe, sie kommen mir immer weniger leicht über die Lippen. Woran liegt das? Zwar bin ich mit Volksmusik aufgewachsen, dennoch habe ich Jahrzehnte gebraucht, um zu begreifen, dass ein Großteil der traditionellen Lieder, die ich seit Kindheitstagen singe, eine männliche Geschichte erzählen. Diese Erkenntnis traf mich vor einiger Zeit mit voller Wucht und weckte in mir den Wunsch, die weibliche Perspektive in unserem Liedgut mehr ins Bewusstsein – und somit auch ins Zentrum meines Schaffens ­zu rücken.
Ich habe Frauen besucht und nach ihrer Geschichte gefragt, und sie hatten viel zu erzählen. Sehr viel mehr als nur über ihre Küchen- und Handarbeit und das Kinderhüten. Und diese Geschichten sind es, die ich hier gesammelt habe.
Ich widme dieses Projekt einer zeitgemäßen künstlerischen Auseinandersetzung mit den Lebens- und Leidensgeschichten von Frauen und dem sozio-kulturellen Erbe, das sie uns hinterlassen. Es soll einen Beitrag leisten, unsere Überlieferungen von einer anderen Seite zu beleuchten, unsere Volksmusikforschung und das Material unserer Archive ein wenig weiblicher und somit diverser zu gestalten.
Das Besondere am Projekt „Spinnerin“ ist für mich einerseits das Wagnis, mich erstmals als Solokünstlerin zu zeigen, ohne den schützenden Halt eines Kollektivs, andererseits ist es die inhaltlich feministische und experimentelle Komponente.
„Spinnerin“ ist mehr als nur ein Album mit neuen Volksliedern – es spinnt ein narratives Netz, verbunden durch Ungesagtes und Ungesehenes. Vielleicht auch bisher Ungefühltes. Es ist ein Hinfühlen an Orte, an denen man sich oftmals lieber vorbeiwindet. „Spinnerin“ möchte auf subtile Art und Weise Vergrabenes an die Oberfläche bringen.
Ich wünsche Ihnen das größtmögliche Hörvergnügen!
(Julia Lacherstorfer)

JULiA LACHERSTORFER: BiO.

Schon seit Kindheitsbeinen an flechten sich in Julia Lacherstorfers Leben vielfältige Musikerfahrungen in die Selbstverständlichkeit des Alltäglichen. Im Haus der Lacherstorfers im Oberösterreichischen Traunviertel werden seltsam anmutende Klänge, wie das Schnarren der Drehleier des Vaters, das Klackern des Spinnrades der Mutter oder das aus dem Obergeschoss dringende Akkordeonspiel des Großvaters  schnell zu vertrauten Klängen und Geräuschen, die Julias Kinderohren prägen. Beide Elternteile sind volksmusikantisch aktiv, weshalb sowohl der Tanzboden, als auch die Bühne zu vertrautem Terrain zählen. Aber nicht nur die heimischen Traditionen sind in den Alltag der Familie verwoben – auch der Austausch mit anderen Musikgruppen wird über Landesgrenzen hinweg gepflegt. In der schier unerschöpflichen Plattensammlung des Vaters offenbart sich der kleinen Julia ein musikalisch reichhaltiger und vielfältiger Kosmos, den sie sich nach und nach zu eigen macht. Auf den jährlich stattfindenden Musikant*innenwochen entpuppt sich schließlich die Geige als bevorzugtes Instrument und Ventil ihres kreativen Ausdrucks.

Bis heute schöpft Julia Lacherstorfer Kraft und Inspiration aus den musikalischen Erfahrungen ihrer Kindheit und der volksmusikalischen Tradition ihrer Heimatregion, ohne dabei den Sinn für Gegenwärtiges zu verlieren. Die Unmittelbarkeit und das freie Spiel des Musikant*innentums findet sie später in der improvisierten Musik  eher wieder, als in der klassischen, sogenannten E-Musik. Nach einem Schulmusik-Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, setzt die in jungen Jahren schon  sehr bühnenerfahrene Musikerin deshalb ihren Ausbildungsweg donauaufwärts an der Anton Bruckner Universität in Linz im Fach Jazz und improvisierter Musik fort.

Mit der Gründung des Ensembles „Alma“ und dem Duo „Ramsch und Rosen“ 2011 erfüllt sich Lacherstorfer einen langjährigen Wunsch, nämlich, sich an der Seite jener Partner*innen künstlerisch zu professionalisieren, denen sie sich musikalisch und menschlich am nächsten fühlt. Mit Ihnen gemeinsam widmet sie sich der Verwertung traditioneller Aspekte in der österreichischen und europäischen Volksmusik und achtet dabei stets auf die Transportierbarkeit in die heutige Zeit.
Als Komponistin lotet Lacherstorfer die Grenzen zwischen Vertrautem und Unerwartbarem aus, zwischen der Eingängigkeit traditioneller Melodien und der Unberechenbarkeit, die improvisierter Musik innewohnt. Als Performerin legt sie besonderen Stellenwert auf den Bezug zum Publikum, lässt Bilder und Assoziationen zu, um ihre Musik nachvollziehbar und erlebbar zu machen.
Nicht zuletzt durch ihre langjährige Tätigkeit als Workshopreferentin im Bereich Volksmusik, Jodeln und Improvisation und durch die Übernahme der Intendanz des Festivals wellenklænge in Lunz am See seit 2018, nimmt Julia Lacherstorfer nun auch Einfluss auf Gegenwart und Zukunft, indem sie Musiker*innen und Künstler*innen eine Plattform bietet. Als Performerin und Komponistin besticht Julia Lacherstorfer durch ihre Spielfreude, Virtuosität und künstlerische Neugierde und ist deshalb aus der österreichischen Musikszene längst nicht mehr weg zu denken. Eingebettet in zahlreiche Band-Formationen, Ensembles und Spielarten, arbeitet sie nun an ihrem Solo-Programm „Die Spinnerin“ und begibt sich dabei auf eine musikalische Spurensuche nach weiblicher Identität, nach ihrem gegenwärtigen Bezug zur Welt und sich selbst

 

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