treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

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FEMI KUTI nigeria

& the POSITIVE FORCE: der sohn des tigers ist auch ein tiger

Afrobeat ist hip, Afrobeat ist tanzbar und Afrobeat lebt. Der Sohn eines Tigers ist auch ein Tiger (Yoruba Sprichwort)
In der von Chaos und Korruption beherrschten Megalopolis Lagos ist Femi Kuti mit seinem „Africa Shrine“ eine zentrale Kraft im Kampf gegen die Missstände des Landes geworden. Der Sohn des „Black President“ spricht den Nigerianern aus der Seele, wenn er seine Shows im „Shrine“ zelebriert: Druckvolle Bläsersätze, archaisch-skurill geschmückte Tänzerinnen und Femi Kuti singend  am Saxophon vor einem Publikum, das sich den Frust eines korruptions- und angstbeladenen Lebens aus dem Leibe tanzt und singt. Afrobeat live – eine Musik, die mit ihren Wurzeln in Soul, Jazz, Juju und Funk nicht umsonst auch in Europa und den USA zahlreiche Fans hat.
„Africa Shrine“ wurde unter Live-Bedingungen im weltberühmten Shrine-Club in Lagos, Nigeria, eingespielt und zeigt einmal mehr: Afrobeat lebt nicht in irgendeiner abgehobenen Weltmusikgemeinde, sondern in den Herzen der Menschen in Nigeria. Es ist ein Glück, dass diese Musik mit ihren Einflüssen aus Funk und Soul unseren Hörgewohnheiten so nahe ist, und nicht umsonst rissen sich bereits zahlreiche Remixer um die Zusammenarbeit mit Femi Kuti, die in dem Album „Shoki Remixed“ (1999) ihren Ausdruck fand. Femi Kuti näherte sich mit „Fight to Win“ auch dem HipHop an und arbeitete mit renommierten Acts wie Mos Def zusammen. Mit seinem Afrobeat holt Femi Kuti die Leute dort ab, wo sie sind, indem er Soul, Funk und R’n’B-Elemente in seinen Stücken mitverarbeitet.

Femi Kuti & The Positive Force [Nigeria]
Femi Anikulapo kuti – lead voc, tenor sax; Tayo Olajide -voc, dance;  Yemi Oriyomi – voc,dance; Onome Kate Udi – voc,dance; Bosede  Ajila – voc, dance; Saidi Obara – perc; Olurtomi Sevezun Hundeyin – tp;  Olugbenga Laleye – tp; Opeyemi Omotayo Awomolo – guitar; Solomon Olanrewaju Idowu – keyboard; Francis Efenji Onah - sax; Albert Olubenga  Salomon – bariton sax; Richard Kingsley Udofot – b; Adebowale  Oloko Obi - dr

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Femi Anikulapo Kuti wurde 1962 in London geboren und wuchs in Lagos, Nigeria auf. Seine Kindheit und Jugend war geprägt von den politischen Unruhen des Landes und dem exzessiven Lebensstil seines Vaters Fela Anikulapo Kuti. Regelmäßig stürmte die Armee das Haus von Fela Kuti. Militärpolizisten stürzten bei einer dieser Aktionen Felas Mutter aus dem Fenster und ihr ältester Sohn Fela war es, der seine tote Mutter bis vor den Präsidentenpalast trug. Dies war ein Erlebnis, das Femi bis heute geprägt hat, genau wie die Autofahrten mit seinem Vater, bei denen sie von der Armee beschossen wurden. Übriggeblieben ist die Überzeugung, dass Mut und Widerstand der einzig gangbare Weg sind .


"Ich ziehe es vor zu sterben, anstatt mich ständig terrorisieren zu lassen, aber ich möchte glücklich sterben, mit einem Lächeln im Gesicht", sagt Femi Kuti. Er sagt das mit der gleichen Entschlossenheit wie sein Vater aber ohne dessen tiefe Wut und Aggressivität, und erklärt es damit, dass er nicht die gleichen Qualen wie sein Vater erlitten hat. Femi Kuti wurde nicht eingesperrt und verprügelt, aber sein Club "Africa Shrine" wird immer wieder von der Polizei durchsucht.


Im Gegensatz zu seinem Vater, der verschiedene Clubs anmietete, ist Femi Kuti Besitzer des neues Clubs, der im Oktober 2000 eröffnet wurde. Er ist verantwortlich für eine Crew von 30 Mitarbeitern inklusive Securityservice und Musikern, und jeden Sonntagabend kommen zwischen zwei- und viertausend Menschen bei bezahlbaren Eintrittspreisen zu den Konzerten von Femi Kuti. Es ist ein ungewöhnlicher Club, da jede Woche die gleiche Band spielt und das Publikum auch unter der Woche Zugang zum "Shrine" hat. Der "Africa Shrine" ist eine Art Sozialzentrum geworden. Die Leute spielen Karten, schlafen im Club und geben ihre Kommentare ab, wenn Femis Band probt. Außerdem wird jede Woche abgestimmt, welche Stücke die Band spielen soll. An den Wänden hängen Porträts der großen Helden des schwarzen Widerstandes wie Martin Luther King, Malcolm X und Nelson Mandela.


Femi Kuti hätte nach den Erfolgen mit seinen beiden Alben "Shoki Shoki" (1998) und "Fight to Win" (2000) auch nach Paris, London oder New York ziehen können, aber nach dem frühen AIDS-Tod seines Vaters Fela im Jahr 1997 hatte er schon bald mit den anderen Erben von Fela Kuti den Aufbau eines Clubs in Angriff genommen. Bezahlt wurde der Kauf aus den Einnahmen von Felas Plattenveröffentlichungen. Seitdem kämpft Femi Kuti mit seiner Band, die nicht ohne Grund "The Positive Force" heißt, für die Mobilisierung der Afrikaner, für Panafrikanismus und gegen das korrupte Regime im eigenen Lande.

Femi Kuti hat das Erbe seines Vaters angetreten, und er sagt, dass er gerne in Lagos lebt, auch wenn das Leben dort hektisch, laut und aggressiv ist. Nigeria ist seine Heimat. Wenn man ihn fragt, ob er in die Fußstapfen seines Vater getreten ist, dann sagt er: "Ich sehe keine Fußstapfen. Ich sehe einen Mann, der mich auf den richtigen Weg gebracht hat." Für Femi Kuti ist Afrobeat die Waffe der Zukunft und gegen das Vergessen. Femi erinnert sich noch gut, dass es der heute amtierende Präsident Obasanjo war, der in den späten 70er Jahren seinen Vater Fela verfolgt hatte. Und er vergisst auch nicht, dass weiterhin die großen Ölkonzerne das Land wirtschaftlich und ökologisch ruinieren. Die USA und Europa tolerieren das nigerianische Regime, denn es fließt reichlich Öl. Deutschland importierte im Jahr 2003 Rohöl im Wert von 597.000 Euro aus Nigeria, das nach Südafrika Deutschlands wichtigster Handelspartner südlich der Sahara ist. Rund 75 % der nigerianischen Staatseinnahmen kommen aus dem Ölgeschäft.

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FEMI KUTI
Eine politische Idee
in Musik umgesetzt


Man stelle sich folgende Situation vor: Eine Band spielt an jedem Wochenende in dem selben Club in der selben Stadt. Das Publikum, regelmäßig 2000-4000 Menschen, stimmt über die zu spielenden Songs ab. Auch während der Woche kommen die Menschen in den Club, der für sie viel mehr ist als eine Konzerthalle. Er ist ein Kommunikationszentrum, Treffpunkt für die unterschiedlichsten Menschen. Die Wände zieren Bilder von Malcolm X, Martin Luther King und Nelson Mandela. Der Ort entfaltet eine ungeheure soziale Energie, die den Mächtigen des Landes alsbald suspekt erscheint, weshalb sie regelmäßige Polizeidurchsuchungen anordnen.

Was die Ordnungs"hüter" bei den wöchentlichen Konzerten zu hören bekommen würden, dürfte den allmächtigen Regierungschef nicht wirklich beruhigen. Vielleicht ist es die große internationale Aufmerksamkeit, die schlimmere Repressionen verhindert. "Sie haben uns beschissen", singt der Bandleader auf der Bühne seines Clubs nämlich mit unverblümter Deutlichkeit in Richtung der Regierung seines Landes, "sie beschissen die Marktfrau, die Journalisten, die Menschenrechtsaktivisten - im Namen der Demokratie".


Die Rede ist von Femi Kuti. Der weit über die Grenzen Nigerias hinaus bekannte Sänger und Saxophonist eröffnete im Oktober 2000 den "Africa Shrine" in der Hauptstadt Lagos und lädt seitdem regelmäßig zum "Sunday Jump". Bereits sein Vater Fela gilt als afrikanische Legende. Verschiedentlich wurden Orte, an denen er mit seiner Band aufgetreten war, später in "African Shrine" umbenannt. Denn wie heute sein Sohn war Fela Kuti ein engagierter Vertreter des so genannten "Panafrikanismus", einer Bewegung, die auf Einigung des von Hass und Gewalt geprägten Kontinents abzielt.


Vater und Sohn gelang gleichermaßen das Kunststück, die Forderung nach einem vereinigten Afrika in Musik umzusetzen. Das Ergebnis, Afrobeat genannt, ist eine leidenschaftliche Mischung aus traditionellen Tänzen, Funk, Soul, Jazz und Reggae. Mit diesem Rhythmus gerät tatsächlich jedes Konzert zwangsläufig zum explosiven Ereignis. Femi Kutis Familie war deshalb ständiger Verfolgung durch die Militärs ausgesetzt, bishin zur Ermordung seiner Mutter. Fela Kuti selbst starb 1997 an AIDS - ein, wie wir heute wissen, fast schon ein typisches afrikanisches Schicksal - in einzelnen Ländern beträgt die HIV-Infektionsrate 20% der Bevölkerung.


Femi Kuti hat längst das musikalische Erbe seines Vaters angetreten. In dem Song "'97" verarbeitete er nicht nur den Abschied, sondern auch den Tod seiner schwer kranken Schwester Sola, für den er die Mediziner verantwortlich macht: "Die Ärzte wollten Geld, damit sie überlebt."


Inzwischen veröffentlichte Fela Kuti mehrere Alben in der musikalischen Tradition des Afrobeat, wie er von seinem Vater geprägt wurde. Doch darüber hinaus versucht er - wiederum auf Grundlage der panafrikanischen Idee - den Schulterschluss mit aktuellen Rhythmen wie Hiphop und R&B und erweitert damit den Sound seines Vaters.


Trotz seines internationalen Erfolgs blieb Femi Kuti in Nigeria, obwohl die politischen Bedingungen sich kaum verbessert haben. Nigeria hat zwar seit 1999 eine neue, "demokratische" Verfassung, doch die Regierung von Präsident Obasanjo gilt als brutal und korrupt. Internationale Kritik muss sie deswegen allerdings kaum fürchten: Nigeria ist Afrikas bedeutendster Erdöl-Exporteur. So sieht Femi Kuti die Hoffnung der Nigerianer auf Demokratie als verraten an: Die Militärjunta von gestern ist die Regierung von heute, installiert und gestützt durch den Westen und seine ökonomischen Interessen.


Sein Engagement, sein Mut und die in seiner Musik verkörperte Einheit von künstlerischem Ausdruck und politischer Aussage machen Femi Kuti zu einem der wichtigsten Musiker des afrikanischen Kontinents. Nachvollziehbar wird das Phänomen Kuti durch die aktuelle Veröffentlichung "Africa Shrine". Der französische Toningenieur Sodi reiste im Frühjahr 2004 gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Raphael Frydman nach Lagos und zeichnete einen der Auftritte von Femi Kuti in seinem Club auf. Dieses Konzert ist nun sowohl auf CD als auch auf DVD erschienen. Der Mitschnitt ist hochklassig: Mit fast zwanzig Instrumentalisten erreicht Femi Kutis Begleitband "The Positive Force" fast Orchesterstärke, hinzu kommen dann noch Tänzer und Background-Sänger. Die DVD enthält neben der Konzertaufnahme Interviews mit Femi Kuti selbst, seinen Mitarbeitern im "Africa Shrine" und Aufnahmen aus Lagos. So wird man umfassend Zeuge der "positiven Kraft", die von Kuti und seinen Begleitern ausgeht und von seinen Fans begierig aufgesogen wird. Ob diese Energie nahtlos vom "Africa Shrine" in deutsche Konzertsäle übertragen wird, kann übrigens noch im laufenden Monat getestet werden: Femi Kuti und "The Positive Force" kommen für einige Konzerte nach Deutschland.

Michael Frost, 09.10.2004