treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

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DHAFER YOUSSEF

ELECTRIC SUFI

"Ich bin ein Muezzin ..."
Er zählt sich selbst zu den faulsten Sängern der Welt, spielt eine arabische Kurzhalslaute, die Oud, und mischt in seiner Musik arabische Melodien mit handfestem Jazz zu bisher ungehörten Kompositionen und Improvisationen.
„Musik muss reisen“, sagte einmal der senegalesische Sänger Baaba Maal, und sein marokkanischer Kollege El Houssaine Kili meinte gar: „Gott hat die Sonne unterschiedlich verteilt, damit die Menschen reisen“. Dhafer Youssef ist einer, der dies so intensiv lebt wie wenige. Allzu lange hält es den Mann nicht an einem Ort, und die Abstände zwischen den Aufenthalten werden kürzer. Als könne eine neue Melodie, ein neuer Rhythmus nur an anderem Ort gefunden werden, treibt es ihn weiter, immer wieder.

Zuhause ist da, wo Handy und Laptop sind! Als Rising Star in der Weltmusik- und Jazzszene reist Dhafer Youssef inzwischen viel. Die Gerüchte um seinen festen Wohnsitz bewegten sich zwischen New York, Graz, Barcelona, Berlin, Dakar und Wien, bevor er 2002 seinen Lebensmittelpunkt vorerst nach Paris verlagert. Frisch verheiratet lebt es sich in der Stadt der Liebe recht gut.
Geboren und aufgewachsen ist der Tunesier 1967 in Térboulba. Die Lieder der Koranschule und die mit ihnen verbundenen islamischen Gesangsstile bilden die Grundlage seiner musikalischen Ausbildung. Mangels Masse können und wollen seine Eltern ihm keine Instrumentalausbildung an der arabischen Laute, der Oud finanzieren.
Mit 15 kauft er sich deshalb mit auf Hochzeiten ersungenem Geld selbst sein erstes Instrument. Nach dem Schulabschluss migriert er vier Jahre später nach Graz, um den amerikanischen Traum zu realisieren: Er arbeitet sich vom Tellerwäscher bis zum Pizzaverkäufer hoch, und verlegt seinen Wohnsitz nach Wien. Dort spielt er sich über ein paar Kindertheaterengagements in die multikulturelle Künstlerszene.
Erste wichtige Sessions mit hochkarätigen Kollegen wie Renaud Garcia-Fons oder Nguyên Lê formen sein musikalisches Weltbild. Zehn Jahre Aufenthalt in Österreich ermöglichen ihm die nötigen Kontakte zur ersten Liga der europäischen Musikszene. Inzwischen zählen Bill Laswell, Nils Petter Molvaer, Bugge Wesseltoft, Markus Stockhausen, Paolo Fresu, Jack DeJohnette, Wolfgang Muthspiel, Nguen Le, und Mino Cinelu ... zu seinen Kollaborateuren.
Doch er mag kein Name-Dropping: "Ich brauche das nicht, mit großen Namen zu spielen. Jeder Musiker hat seine eigene kleine Geschichte zu erzählen. Nicht alle können das in ihrer Musik ausdrücken. Aber wenn du es kannst, brauchst du dich mit niemandem zu schmücken".
Einigkeit herrscht in entsprechenden Kreisen über Dhafers außergewöhnliche musikalische Fähigkeiten. Sein poetisches Oudspiel, sein feines Gespür für komplexe Kompositionen und die faszinierende Linienführung seiner klaren Stimme überzeugen Kritiker und Hörer gleichermaßen.
Nachzuhören ist sein einzigartiger Jazz/World-Musikmix auf wunderbaren Tondokumenten. War "Malak", das Debüt, nur einer kleinen Schar von Liebhabern bekannt, stieß "Electric Sufi" (u.a. mit Wolfgang Muthspiel) in der Szene auf allgemeine Hochachtung.
Mit "Digital Prophecy" dringt er tief in das Zentrum der europäischen Musikerneurungsfabrik in Norwegen vor. Unterstützt von namhaften VIPs der dortigen Szene (Bugge Wesseltoft, Nils Petter Molvaer u.a.) wird er einem breiten Publikum bekannt.
Auf die Mithilfe der norwegischen NuJazz-Szene verlässt er sich auch für sein viertes Album "Divine Shadows". Gemeisam mit Gitarrist Eivind Aarset, Trompeter Arve Henriksen, E-Bassist Auden Erlien und Schlagzeuger Rune Arnesen spielt er zauberhaftes Werk von "berückenden Momenten und betörender Magie" (Jazz-Podium) ein.
Nach "Divine Shadows" (2006) veröffentlicht Youssef 2007, gemeinsam mit Wolfgang Muthspiel, "Glow". Unterstützt von Tom Harrell (Trompete, Flügelhorn), Alegre Correa (Schlagzeug/Perkussion), Matthias Pichler (Bass) und Rebekka Bakken (auf dem Track "Cosmology") gelingt den beiden Tonbastlern ein reifes Album, das beider Fähigkeiten harmonisch amalgamisiert.


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AUS
CONCERTO
www.concerto.at

COUSCOUS ODER SCHNITZEL???
Dhafer Youssef


Er ist ein Kosmopolit im wahrsten Sinn des Wortes. Als er vor zwölf Jahren seine tunesische Heimat mit vagen musikalischen Plänen verließ, ahnte er allerdings noch nicht, dass er einmal mit der Crème des internationalen Jazz arbeiten würde. Dhafer Youssef hat zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen. Mehr als alles andere ist es aber seine seelenvolle Musik, die Kollegen wie Publikum in ihren Bann zieht.

Unendliche Neugier auf neue Erfahrungen treibt ihn 1989 aus Tunesien ausgerechnet nach Österreich, wo er zunächst in Graz landet, innerhalb eines halben Jahres Deutsch lernt und währenddessen als Tellerwäscher oder Fensterputzer arbeitet. Später übersiedelt er nach Wien, wo er u.a. Jobs als italienischer (!) Kellner in einer Pizzeria und als Bauchtanzmusiker hat, die ihn naturgemäß wenig befriedigen. Die Bekanntschaft mit dem Geiger Toni Burger öffnet Dhafer Youssef schließlich die Türen zur Wiener Musikszene. Ein Engagement als Bühnenmusiker im Theater der Jugend („Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren) bringt ihn in Kontakt mit Leuten wie Otto Lechner und Georg „Schurl“ Graf. Wenig später spielt Youssef schon in der Band Zyriab des Perkussionisten Gerhard Reiter. „Ich wollte aber nicht in dieser Weltmusik-Szene bleiben. Ich bin kein echter ‚Weltmusiker’. Ich bin nicht unbedingt einer, der sagt: Ich zeige euch, wie Couscous gekocht wird. Das interessiert mich nicht. Mich interessiert die österreichische Volksmusik mehr als die tunesische, das ist mir näher. Vielleicht weil ich den tunesischen Background immer schon gehabt habe.“

Seine zweite Band in Wien ist schon weit jazziger ausgerichtet: mit Toni Burger, dem Bassisten Achim Tang und dem indischen Perkussionisten Jatinder Thakur beginnt Youssef ernsthaft an seinem Konzept einer arabisch inspirierten, aber nach allen Seiten offenen Musik zu arbeiten, in der er die mystische Tradition der Sufis wie selbstverständlich neben instrumentale Virtuosität und Jazzästhetik stellt – Letztere verkörpert durch Kooperationen etwa mit Christian Muthspiel und Wolfgang Puschnig. Der Projektcharakter ist bis heute eine Konstante seines musikalischen Schaffens geblieben; und auch die – aus heutiger Sicht – Initialzündung für seine Karriere ist ein Projekt, nämlich in Form einer „Carte-Blanche“-Serie im Wiener Jazzclub Porgy & Bess, die ihm Christoph Huber zwischen September 97 und Mai 98 ermöglicht. Dhafer Youssef greift zu – und beeindruckt das Wiener Publikum mit Konzerten, zu denen er Stargäste wie Iva Bittová, Tom Cora, Paolo Fresu, Wolfgang und Christian Muthspiel, Renaud Garcia-Fons, Carlo Rizzo, Arkady Shilkloper, Jamey Haddad, Peter Herbert, Markus Stockhausen, Nguyen Lê, Patrice Héral und Hélène Labarrière einlädt.

Spätestens nach dieser Konzertserie (Youssef bezeichnet sie im Interview als seine „dritte Schule“ nach der Koranschule seines Großvaters und den ersten Erfahrungen in Österreich) ist das Eis gebrochen: es folgen internationale Auftritte und das viel beachtete CD-Debüt „Malak“ (1998) auf dem renommierten deutschen Enja-Label. Dann zieht es den „Welt-Menschen“ (Eigendefinition) wieder in die Ferne, nämlich nach Marokko und nach New York, wo er u.a. die Bekanntschaft von Szenedrummer Will Calhoun macht. Die neuen Eindrücke finden sich nun in komprimierter Form auf Youssefs neuer CD wieder. Auf „Electric Sufi“ vermengen sich mystisch-arabische Klänge auf selbstverständlichste Art und Weise mit Loops und elektronischen Ambient Sounds, so als würde jemand den amerikanischen Großstadtdschungel für kurze Zeit in die Sahara holen. Verschiedenste fein dosierte Soundeffekte ergeben in Kombination mit dem archaisch anmutenden Oud-Spiel und der faszinierenden 5-Oktavenstimme Dhafer Youssefs eine Musik, die einen sofort unwillkürlich in ihren Bann zieht.
Anfang August sitze ich einem weiß gekleideten Mann gegenüber, der redet wie ein Wasserfall, heftig gestikuliert, vorbeigehenden Leuten etwas zuruft und immer wieder in schallendes Gelächter ausbricht. Dhafer Youssef kennt keine Kontaktschwierigkeiten. Nach einem gelungenen Duokonzert mit Wolfgang Muthspiel beim Kremser Festival „Glatt & Verkehrt“ bestens gelaunt, spricht der 34-Jährige über seinen Background, seine Pläne, die Situation in seinem Heimatland Tunesien, die Zusammenhänge zwischen Muezzin-Gesängen und Jimi Hendrix und vieles mehr.

Du stammst aus Tunesien. Was waren dort deine ersten musikalischen Einflüsse?
Mein Großvater hatte eine Koranschule und dort wurden auch religiöse Gesänge praktiziert. Das war weniger eine Musikgruppe im eigentlichen Sinn, sondern eine Gruppe, die hauptsächlich die Sufi-Tradition gepflegt hat. Ich hatte das Glück, dass mein Großvater der Leiter dieser Gruppe war.
Dein Gesangsstil ist also von Sufi-Musik beeinflusst?
Auch mein Rhythmusgefühl. Es gibt keine Instrumente in der tunesischen Sufi-Tradition. Das ist nicht wie in der Türkei – dort, finde ich, ist es sehr „touristisch“, viel weltlicher als bei den Tunesiern. Es gibt bei uns nur Trommeln und Gesang und die Sufis tragen wollene Gewänder. Der Name „sufi“ kommt auch vom arabischen Wort „suf“ für Wolle.

Wie fließt diese Philosophie in deine Musik ein?
Für mich ist nur die mystische Seite interessant. Ich singe auch nie einen richtigen Text, ich kann keine traditionellen Texte. Ich reagiere da nur auf meine Mitmusiker, ich improvisiere, es ist Lautmalerei mit irgendwelchen Silben. Aber ich habe keine Ahnung, was dabei herauskommt, wenn ich den Mund aufmache. Das ist das Geheimnis, das eigentlich kein Geheimnis ist.

Und deine Kopfstimmen-Technik kommt auch aus der Sufi-Tradition?
Das ist keine Kopfstimme! Das ist alles gepresste Bruststimme mit einer speziellen Atemtechnik.
Hast du das in Tunesien so gelernt, oder kommt das ganz selbstverständlich?
Ich bin der faulste Sänger, den du dir vorstellen kannst – wenn man mich überhaupt Sänger nennen kann. Ich singe nur mehr auf der Bühne, auch nicht bei Proben. Ich wärme die Stimme vorher ein bisschen auf und gehe einfach auf die Bühne. Und dann geht’s los – oder nicht!

Ist für dich die Stimme oder die Oud das Hauptinstrument?
Wenn ich zu Hause bin, singe ich nicht, sondern spiele nur Oud. Ich komponiere auch auf ihr. Sie ist mein Hauptinstrument, das ich jeden Tag berühre und verwende. Ich glaube aber schon, dass beides für mich wichtig ist.

Warum bist du 1989 aus Tunesien weggegangen?
Ich habe mich in Tunesien nie wirklich zu Hause gefühlt. Musik war aber immer schon mein Lebensinhalt. Ein paar Monate habe ich auf dem Konservatorium studiert, dann bin ich weggegangen, weil ich gesehen habe, das ist nicht meine Welt. Dafür wollte ich diese Welt entdecken, die ich im Radio gehört habe. Ich wusste nicht: ist das Mainstream Jazz, Free Jazz, Klassik, Pop ... Ich habe das alles einfach als Musik gehört und wollte es immer schon kennen lernen. Ich wollte nicht nur einfach die Welt rund um den Couscous sehen, sondern auch rund um das Wiener Schnitzel und Sushi und so weiter. Das fasziniert mich: Reisen, Begegnungen, jeden Tag etwas anderes erleben, neue Gerüche, andere Musiker kennen lernen. Deshalb versuche ich immer neue Projekte zu machen, immer viel zu viel!
Ich habe nie Musik studiert im engeren Sinn, ich lebe seit 34 Jahren nur vom Sammeln von Erfahrungen. Ich kann nicht einfach stehen bleiben und sagen: jetzt weiß ich genug. Ich habe eher das Gefühl, dass es noch wahnsinnig viel zu lernen gibt für mich.

Und warum bist du gerade nach Österreich gekommen?
Weil es damals das einzige Land ohne Visumzwang für Tunesier war. Außerdem wollte ich Mozart und Beethoven hören, klassische Musik. Ich bin in Graz zur Hochschule gegangen und wollte die Aufnahmsprüfung machen. Die haben gefragt: „Kannst du Klavier spielen?” – „Nein.” „Kannst du Noten lesen?” – „Nein!” „Ja, wie stellst du dir das dann vor?” Da habe ich einen Schock gekriegt und durch diese Krise gelernt, dass ich meinen Weg allein gehen sollte.

Sowohl auf „Malak“ als auch auf „Electric Sufi“ findet sich der Satz „Ich widme diese Musik jenen, die ihr schlecht zuhören werden und die sie nicht mögen werden“. Warum?
Das ist natürlich ironisch gemeint. Es gibt einige Menschen, die zu einem Konzert nicht kommen um zuzuhören, sondern um zu kritisieren. Diese Leute verstehen nicht, dass wir alle – vor allem die Jazzmusiker – versuchen eine Geschichte zu erzählen. Keiner ist wirklich groß – die Presse macht die Leute groß. Auch wenn ich jetzt Platten mache, bin ich noch immer der Gleiche. Wichtig ist, wie ich mich entwickle. Also diese Widmungen sind für alle diese Leute. Weißt du, wir sind alle nur einfach Musiker und unser Handwerkszeug ist do-re-mi-fa-sol-la-si-do. Jeder spielt die selben Noten, aber bei jedem klingen sie anders. Jeder hat eine andere Geschichte zu erzählen und die Leute sollen uns entweder unterstützen oder in Frieden lassen.

Ich habe noch eine Frage, die mit Nordafrika zu tun hat ...
Politisch?

Nein ...

Na, du kannst auch das schreiben: ich war zwei Tage im Verhör, denn ich habe den tunesischen Präsidenten in „Treffpunkt Kultur“ kritisiert. Und als ich in Tunesien aus dem Flugzeug gestiegen bin, haben sie mich mitgenommen. Irgendwelche Spitzel haben das gesehen. Das sind Barbaren. Tunesien ist zwar ein schönes Land und die Touristen kommen gern hin, aber politisch ...
Ich habe beim Hören deiner Musik immer das Gefühl, dass viele deiner Stücke melancholisch, wenn nicht traurig, sind. Ist das einfach Dhafer Youssef oder ist das die „nordafrikanische Seele“?
Das ist es, was ich von der Sufi-Tradition übernommen habe. Wenn ich komponiere, ist es immer melancholisch. Ich kann auch kein Liebesgedicht singen, am ehesten vielleicht eines für Gott ... aber keine Ahnung, warum.
Wie ist dein Verhältnis zu Wolfgang Muthspiel?
Ich spiele jetzt seit ungefähr zwei Jahren mit ihm, und es ist unglaublich. Der sitzt, der Typ, der ist ein Monster! Viele Leute sagen: Ja, Wolfgang Muthspiel, Österreicher, ja, der kann spielen, aber er berührt mich nicht. Auch viele Österreicher sagen das. Aber er ist ein Motherfucker, wie die Amerikaner sagen. Er ist ein Musiker mit Seele, mit viel Talent. Ich hätte Schwierigkeiten gehabt, für „Electric Sufi“ einen anderen Gitarristen mit einer solchen Bandbreite zu finden.

Ich glaube, du spielst in letzter Zeit auch viel mit dem Trompeter Paolo Fresu ...
Für mich ist es, als würde ich mit dem Miles Davis von heute spielen. Voriges Jahr im Juni habe ich begonnen mit ihm in Sardinien Duokonzerte zu geben. Und bis jetzt haben wir kein Programm, gerade einmal ein paar Stimmen, die wir im Lauf der Zeit ein bisschen arrangiert haben. Vor dem ersten Konzert haben wir uns direkt am Flughafen getroffen und sind auf die Bühne gegangen – Soundcheck, und dann haben wir zweieinhalb Stunden gespielt! Unglaublich! Das kannst du nicht mit jedem Musiker machen. Die Erfahrung mit Paolo war eine der schönsten im letzten Jahr.
Dann habe ich jetzt auch viel mit Nils Petter Molvaer gearbeitet. Ich stehe total auf seine Sounds und was er mit seiner Band macht. Und durch ihn habe ich auch jetzt Bill Laswell kennengelernt und mit ihm gespielt. Es ist wahnsinnig interessant zu wissen, wie solche Leute arbeiten. Denn Musik ist nicht nur was man spielt, sondern auch wie man denkt. Ich empfinde es als großes Glück, diese Leute berühren zu können und mit ihnen befreundet zu sein. Das ist für mich wieder wie eine Schule.

Was hältst du von dem Begriff „World Music“?
World Music ist Jazz, klassische Musik, alles. Wenn ich den Begriff als solchen nehme, kann ich ihn akzeptieren. Wenn es sich aber nur um eine kommerzielle Produktion handelt, um das gut zu verkaufen ... Diese typischen Ethno-Jazz-Geschichten halte ich nicht aus: irgendeiner macht eine Band und hat einen Oud-Spieler oder Tabla-Spieler dabei, und es ist oft nicht einmal homogen.

Was bedeutet dir Tradition?
Ich bin kein Traditionalist. Ich glaube, das ist das Verrückteste an einem Menschen: dass er seine Tradition loslassen kann. Das ist wie bei einer Beziehung: die kannst du nicht einfach so aufgeben, du brauchst Zeit. Und das könnten auch 20, 30 Jahre sein. Ich habe die Tradition in Tunesien erlebt, wollte aber diese Musik nie praktizieren. Heute glaube ich, es war ein Glück für mich, dass ich mich so entschieden habe.
Aber ihr habt an dem Konzept von „Electric Sufi“ trotzdem sehr hart gearbeitet?
Wahnsinnig hart. Ich bin glücklich, dass ich für die Produktion so viel Zeit hatte. Denn normalerweise kommst du rein, spielst, mischst es ab und passt. Aber in dieser CD steckt richtige Arbeit, das ist auch eine andere Dimension, sich so genau kennen zu lernen, und man kann sich auf diese Art wahnsinnig entfalten. Und das ist sehr schön. Ich sage dir auch, warum ich es „Electric Sufi“ genannt habe. Die Leute in Tunesien, oder überhaupt im Orient, sind total an elektronische Sounds gewöhnt, und zwar warum? Um drei Uhr früh hörst du den Muezzin, der singt so: (singt einige Takte). Das klingt für mich wie Jimi Hendrix, der zum Gebet aufruft. Na wirklich! Also ich meine, die ganze arabische Welt lebt mit diesem Jimi-Hendrix-Pedalsound. Und dann sagen sie: „Nein, das ist die echte Stimme des Muezzin.” Verstehst du: da oben auf dem Minarett stehen vier Megaphone! Aber sonst sagen die Leute: „Wir wollen nichts Elektrisches und wir bestehen auf unserer Tradition.” Dabei sind sie damit aufgewachsen!

Hast du in Tunesien eigentlich ein Publikum?
O ja. Es ist in der derzeitigen politischen Situation nicht so einfach, aber da gibt es schon Konzerte, wo du vor drei- oder viertausend Leuten spielen kannst. Die sind aber nicht wie hier oder in Amerika. Die hören anders, mit ... Durst. Hier in Europa ist das Publikum auch super. Aber du musst wirklich einen Event veranstalten, damit sie kommen, und du musst Qualität bieten. In Tunesien haben die Leute nicht diese Wahl. Die hören alles und es ist wichtig für sie, diese „anderen Töne“ zu hören. Wenn ich von dieser Seite eine Bestätigung bekomme, ist das für mich als Tunesier sehr wichtig.