Seit Anfang unserer Kulturarbeit begleiten uns die Gedichte von Ingeborg Bachmann, immer wieder haben sich Zeilen ins Programm geschmuggelt. "Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein!." Das Treibhaus feiert ihren 100.Geburtstag , erinnert an sie mit ihren Gedichten - im Fernweh-Heft '26

In Innsbruck erinnert praktisch nichts an sie - obwohl in jeder Biografie über sie "Innsbruck" ganz vorn vorkommt:
Ingeborg Bachmann studierte in Innsbruck, Graz, Wien....
"Aus dem Kärntner Gailtal ist Ingeborg Bachmann im September 1945 „in einem Viehwagen der großen Hoffnung dem Tempel der Weisheit entgegengefahren“. Bachmann begann ihr Studium in Innsbruck im Wintersemester 1945/46. Sie war froh, ihrer Geburtsstadt Klagenfurt den Rücken kehren zu können. Mit dem Mut und der Vitalität eines begabten jungen Menschen zog sie hinaus in die Welt: „Ich werde studieren, arbeiten, schreiben! Ich lebe ja, ich lebe. O Gott, frei sein und leben, auch ohne Schuhe, ohne Butter-Brot, ohne Strümpfe, ohne, ach was, es ist eine herrliche Zeit!“
Der Sommer der Befreiung 1945 ist für Ingeborg Bachmann „der schönste Sommer meines Lebens“: „Vom Frieden merkt man nicht viel, sagen alle, aber für mich ist Frieden. Frieden!“
1957 gabs eine Lesung - sie las "die gestundete Zeit: "Der Krieg wird nicht mehr erklärt,sondern fortgesetzt. Das Unerhörte ist alltäglich geworden."
Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.
Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönrem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.
Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.
Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.
Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Daß ich wieder sehe und daß ich dich wiederseh!
Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein
Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehn
und den Vogel oben,
Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwarm,
Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen
mit einer Sendung von Licht,
Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds,
das Tausendeck meines Lands
Und das Kleid, das du angetan hast!
Und dein Kleid, glockig & blau!
Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen,
Blau der Fernen, der Zonen des Glücks
mit den Wettern für mein Gefühl,
Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen
Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.
Schöne Sonne,
der vom Staub noch die größte Bewunderung gebührt,
Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen
& nicht, Weil die Nacht mit Kometen prahlt
und in mir einen Narren sucht,
Sondern deinetwegen und bald endlos
und wie um nichts sonst Klage führen
über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.
