treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

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im zeughaus und im treibhaus: das wird ein schöner sommer. 30 filme und 30 konzerte im zeughaus, 30 konzerte im treibhaus. wir fahren nach italien. fürs treibhaus bleibts wie schon erlernt: wer zuerst kommt - wie der italiener sagt. fürs zeughaus ists coronarrisch komplizierter - da müssen platzkarten reserviert werden (geht nur online, www.treibhaus.at ) die reservierung kann/muß ab 4 tage vor dem spieltag bis mitternacht des vortags in reale karten eingetauscht werden. (im treibhaus oder leokino). / restln gibts am spieltag ab 16uhr im treibhaus. das Kino unter Sternen braucht viele Sterne, damits ein Firmament hat - bitte: IBAN: AT75 20503 03352791960

ABDULLAH IBRAHIM

Abdullah Ibrahim /vormals Dollar Brand): Der Mann, der dem Jazz seine afrikanischen Wurzeln schenkte

Seine Musik drehte sich auf den Plattentellern in den Townships, als er bereits des Landes verwiesen war. Und er spielte Klavier, als Nelson Mandela in das Amt des Präsidenten eingeführt wurde. Abdullah Ibrahmis Vita gleicht einer Odyssee in Jazz. Seine Musik spiegelt Südafrika als Himmel und Hölle, aber auch die Abgründe der Seele, die hochfliegenden Hoffnungen und den Griff nach dem Glück. Er galt bereits als ein Botschafter des freien Südafrika, als ein Ende der Apartheid noch nicht abzusehen war. Politisch entschlossen und sozial engagiert, ist er auch in Mystik eingetaucht, in die verborgenen Bezirke des Ichs, in die Tiefendimensionen des Existenziellen, für die es keine Worte, vielleicht aber Klänge gibt.
Als „Entertainer“ hat er sich nie gesehen. Musik war und ist für ihn weit mehr als Unterhaltung. Nämlich eine Lebensnotwendigkeit: Tägliches Seelenbrot, Heilmittel. Aber ganz und gar nicht Opium fürs Volk. Sondern ein Mittel gegen Unterdrückung und Gewalt. Und ebenso auch Ausdruck von Versöhnung.



“People don`t like Abdullah Ibrahim, they adore him, bestowing on him the devotion normally reserved for Nina Simone. (..) When he plays, melodies tumble out effortlessly, as he slides from theme to theme like a laid-back South-African reincarnation of Thelonious Monk.” ( The Guardian)


Die Musik von Abdullah Ibrahim verkörpert Integrität und offenbart Prozesse künstlerischen Wachstums. Die Vielfalt seiner musikalischen Aktivitäten - vom Solo-Piano und den Trio-Formationen bis zur Band "Ekaya", von Filmmusiken über das Ton-Poem "Knysna Blue" bis zu der von Streichern gespielten "African Suite" - ist schier unerschöpflich. Bei seinen Konzerten kann er heute aus einem Fundus von über 700 Kompositionen schöpfen, die trotz der stilistischen Bandbreite zwischen traditionellem Folksong und ausgefeiltem Orchester-Arrangement eines verbindet: die Tiefe der musikalischen Emotionen.
Abdullah Ibrahim gewann den Preis der Deutschen Schallplattenkritik für „seinen aus südafrikanischen Quellen schöpfenden Beitrag zum Jazz als weltumspannende Musik“, so die Begründung der Jury. Doch Abdullah Ibrahim nur auf „Jazz“ festzulegen hieße, einen großen Teil seines Werkes zu ignorieren. Ibrahim besteht auf die Verbindung von Jazz, Weltmusik und Klassik und vereint deren Anhängerschaften. In seiner Musik malt er die großartige Weite der afrikanischen Landschaften; es gibt Geschichten zu jedem Stück, die an die Idee von symphonischem Gedicht in der Spätromantik erinnern.
Geprägt von der Ambivalenz eines Heimatgefühles in einem Apartheitsregime des südlichen Afrika, in Kapstadt aufgewachsen, von Duke Ellington entdeckt und gefördert, bereits in den 60er Jahren in Europa und in den USA mit eigenen Formationen (seinerzeit noch unter dem Namen Dollar Brand) gefeiert, profilierte sich Abdullah Ibrahim zu einem Pianisten, Bandleader, Komponisten und Improvisateur von außergewöhnlichem Format. Mehr als jedem anderen ist es ihm geglückt, die afrikanischen Wurzeln mit dem amerikanischen Jazz des 20. Jahrhunderts zu vereinen. Duke Ellington sagte dazu: „ Als Afrikaner bist du besonders begünstigt, weil du direkt aus der Quelle schöpfen kannst.“
In den 70er Jahren trug Abdullah Ibrahim in seiner Heimat dazu bei, den Kampf gegen die Apartheid zu beflügeln. Seine Aufnahmen drehten sich auf den Plattentellern der Townships, als er des Landes verwiesen wurde. Nach Jahren des Exils in den USA kehrte er 1990, im Zuge der politischen Veränderungen, nach Südafrika zurück.


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Der Name Abdullah Ibrahim gehört so untrennbar zur Jazzgeschichte wie Duke Ellington, John Coltrane, Ornette Coleman oder Don Cherry. Mit allen genannten Musikern hat der Pianist eng zusammengearbeitet, und doch ist seine Lebensgeschichte eine ganz einzigartige Story, die eng mit den globalen Geschicken des 20. Jahrhunderts verbunden ist. Als Adolphe Johannes Brand 1934 in Kapstadt geboren, arbeitete er unter dem Namen Dollar Brand ab 1949 als Berufsmusiker. Was das zu Zeiten der Apartheid in Südafrika bedeutete, muss hier nicht näher ausgeführt werden. Immerhin hielt er es bis Anfang der Sechziger in seiner Heimat aus, wo er Miriam Makeba begleitete und mit den Jazz Epistles die erste nennenswerte Jazzband Afrikas gründete. Doch die internationale Anerkennung trug ihm zuhause auch Misstrauen ein. 1962 setzte er sich nach Europa ab, trat vor allem in der Schweiz und Dänemark auf und wurde 1965 von Duke Ellington entdeckt.

Ellington holte Brand nach New York. Ein Triumph auf dem Newport Jazz Festival sollte seine Eintrittskarte in die erste Liga des Jazz sein. Er gehörte zur Avantgarde von New York und schulte an der Seite von Ornette Coleman und John Coltrane nicht nur seinen Sinn für Improvisation, sondern begab sich auch auf ein spirituelles Gleis, das er bis heute nicht mehr verlassen sollte. Seine enge Verbindung zu Afrika ließ er niemals abreißen, aber auch in Europa und Asien suchte er unentwegt nach Allianzen. Zu seinen engsten Verbündeten zählten ab 1968 Musiker wie Don Cherry, Gato Barbieri und der legendäre südafrikanische Bassist Johnny Dyani. 1968 konvertierte er zum Islam und nahm den Namen Abdullah Ibrahim an, der im Lauf der nächsten Jahrzehnte ganz behutsam das Trademark Dollar Brand ablöste. In den siebziger und achtziger Jahren war er die Integrations- und Kulminationsfigur für afrikanischen Jazz schlechthin. Erinnert sei nur an Alben wie „Echoes From Africa“ (1979, im Duo mit Dyani), „African Marketplace“ (1980) oder „Zimbabwe“ (1983), die eine bis dahin undenkbar organische Verbindung zwischen amerikanischem Jazz und afrikanischer Rootsmusik beschrieben. Die Abschaffung der Apartheid war auch für Abdullah Ibrahim ein Befreiungsschlag. 1994 spielte er auf der Amtseinführung Nelson Mandelas.

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Als Jugendlichen nannte man ihn Dollar Brand, weil er jeden Dollar zusammenkratzte, um von den Seeleuten in Kapstadt Jazzplatten abzukaufen. Mit fünfzehn Jahren wurde er Profimusiker. Er spielte mit Bands wie den „Tuxedo Slickers“ und den „Streamline Brothers“, begleitete Revuen und traf bereits damals mit einer Sängerin zusammen, mit der er später in großen Konzertsälen der westlichen Welt auftreten sollte: Miriam Makeba. Gemeinsam mit dem Trompeter Hugh Masekela, dem Altsaxophonisten Kippie Moeketsi, dem Posaunisten Jonas Gwanga sowie Johnny Gertze, Bass, und Makaya Ntshoko, Schlagzeug, formierte er 1959 eine der damals stilprägenden Ensembles, die „Jazz Epistles“, mit denen er im folgenden Jahr die erste Jazzplatte Südafrikas einspielte. Es trieb ihn umher in den unterschiedlichen Landschaften und Kulturen Südafrikas, und es drängte ihn in die Welt.

Mit Sathima Bea Benjamin, seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau, machte er sich 1962 auf die Reise nach Europa. Johnny Gertze und Makaya Ntshoko folgten ihm nach Zürich, wo das Trio für drei Jahre im Klub „Africana“ eine zweite Heimat fand. Traveller, ein passendes Wort für einen Vielgereisten und einen in der Welt der Klänge auf Reisen gehenden. Als Duke Ellington eines Abends mit seiner Band in Zürich spielte, gelang es Sathima, den Duke und seine Musiker dazu zu überreden, nachts noch einmal im „Africana“ vorbeizuschauen. Ellington war von Dollar Brands Musik dermaßen beeindruckt, dass er dessen Trio nach Paris einfliegen ließ und dort im Studio mit ihm produzierte.

Die Musik der Townships, die von Thelonious Monk und Duke Ellington zählen zu den wichtigsten Einflussquellen der Musik von Abdullah Ibrahim. Die Freiheit des Ausdrucks hat ihre Ursprünge in den Stammesritualen der Xhosa und Zulu. Für Abdullah Ibrahim bedeutete der Free Jazz Extension des bereits früh Erfahrenen. Er hat mit Musikern wie Don Cherry, auch mit Max Roach, Gato Barbieri und dem die dem die Coltrane-Tradition weitertragenden Elvin Jones zusammengespielt. Zu den Konstanten in seinem Schaffen zählen Solospiel, die Arbeit mit eigenen Trioformationen und mit großen Besetzungen. Abdullah Ibrahim schuf preisgekrönte, atmosphärisch dichte Filmmusiken. Wiederholt hat er mit Big Bands und Sinfonieorchestern zusammengearbeitet. Aus der Kooperation mit Daniel Schnyder, der Kompositionen von ihm orchestrierte, entstand 1997 die „African Suite“ für Jazztrio und Sinfonieorchester.

„Manenberg“ ist der Name eines Townships von Kapstadt, in das viele Einwohner, dem sozialen Druck folgend und der elementaren Not gehorchend, übersiedeln mussten, nachdem District Six zu einem Gebiet der Weißen deklariert und zerstört wurde. „Manenberg“ heißt eine Komposition, die Abdullah Ibrahim aufnahm, als er in den siebziger Jahren zeitweise nach Südafrika zurückkehrte. Im Studio stand ein heruntergekommenes Klavier, dessen Saiten präpariert wurden und mit dem Abdullah einen unnachahmlichen Sound erzeugte. „Manenberg“ ist ein Stück, das sich unmittelbar mit den im ganzen Land aufflammenden Unruhen, mit dem Widerstand gegen die Apartheid assoziierte, Da keine der etablierten Firmen die Platte veröffentlichen wollte, entschlossen sich die Musiker zu einer Eigenproduktion. Tausende von Exemplare wanderten über den Ladentisch einer Tankstelle, von der die Busse zu verschiedenen Townships abfuhren. „Noch heute“, so Abdullah Ibrahim, „wollen die Leute bei unseren Konzerten in Südafrika immer wieder diesen Titel hören, der zu einer Art inoffizieller Nationalhymne avancierte: ‘Manenberg’.“ In der Originalaufnahme huscht in der Musik eine Stimme vorbei: „Djulle kan maar New York toe gaan, ek bly here in Manenberg: You can go to New York, I stay here in Manenberg.“

Die Konfliktzone Manenberg wird für Abdullah Ibrahim zum Zentrum des Weltgeschehens. Doch er muss sie verlassen, nicht freiwillig, sondern zwangsweise. Mit seiner Frau Sathima, Sohn Tsakve und Tochter Matsidiso ging er Mitte der siebziger Jahre nach New York. Er tauschte Himmel und Hölle Südafrikas gegen die Heimatlosigkeit des Exils. Traveller, was für ein mildes Wort für einen Musiker, der vierzehn Jahre lang nicht zu seinen Quellen zurückkehren durfte.

Außenstehende können allenfalls erahnen, welchen inneren Qualen und realen Repressalien Menschen ausgesetzt waren, die sich auch im Exil nicht in Sicherheit befanden, sondern einem Konfliktfeld rivalisierender und gegenseitig bekämpfender Parteien ausgesetzt waren. „Weißt du, was Apartheid bedeutet,“ Abdullah spricht immer, wenn er einem Satz besonderen Nachdruck verleihen will, besonders leise, „Apartheid bedeutet, Exzeme zu bekommen und die Angst, umgebracht zu werden.“ Er wurde oft gefragt, warum denn seine in den Jahren des Exils geschriebene Komposition mit dem Titel „Mandela“ einen vergleichsweise fröhlichen Charakter trage. Und er antwortete: „Das entsprach schon damals meiner Art, ihn zu sehen: als eine Lebenslinie unserer Communities.“

Unmittelbar nach der Befreiung von der Apartheid folgte Abdullah Ibrahim mit seiner Familie einer Einladung zur Rückkehr nach Südafrika. Er hat die Aufregung beschrieben, dieses überwältigende Gefühl beim Anflug auf Kapstadt. In den Jahren des Exils wusste er stets klar Stellung zu beziehen. Dennoch sagt er jetzt: „Wir alle haben uns zu verändern.“ Das kann nicht folgenlos bleiben für die Musik eines Mannes, der Zeit seines Lebens stärker in der Erfahrung südafrikanischer Communities verwurzelt war als in irgendeiner westlichen Avantgarde-Ästhetik. Eben das gab ihm die Kraft, einfache und prägnante Stücke zu komponieren, die alles andere sind als trivial. Für das, was gegenwärtig abläuft, oder für die Hoffnungen auf das, was ist, sein oder werden könnte, wählt Abdullah Ibrahim immer wieder, fast beschwörend das Wort „reconciliation“, Aussöhnung, Versöhnung. Und er weiß wohl zu gut, dass das nicht innerhalb einer Generation, auch nicht innerhalb eines Lebenswerkes zu bewerkstelligen ist. Folglich engagiert er sich für die Bildung nachwachsender Generation, ruft er Schulen und Ausbildungszentren ins Leben, die die Künste zusammenführen und einen ganzheitlichen Ansatz musischer Entfaltung fördern.

Die kontinuierliche, sorgfältige und engagierte Dokumentation des Schaffens von Abdullah Ibrahim seit Mitte der siebziger Jahre verdanken wir einem deutschen Plattenlabel: Enja Records. Aufnahmen, die Abdullah Ibrahim in den letzten Jahren einspielte, insbesondere solche mit seinem Trio, lassen eine unerwartete Zartheit aufscheinen. Beides gehört zu ihm, zu seiner Persönlichkeit und zu seinen Erfahrungen: das Ungestüme, die aufbrechende Expressivität ebenso wie die Sanftheit und der schwarze Samt. Der Meister in asiatischen Kampfsportarten, passt in dieses Bild wie der Meditierende. Beides ist Abdullah Ibrahim. Und seine Vorgeschichte als Dollar Brand gehört ebenso dazu wie der Ausblick auf eine Zeit, die erst im Werden ist.



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Der Mann, der dem Jazz seine afrikanischen Wurzeln schenkte

DIE ZEIT
zum 70.Geburtstag

ALLAHS MELODIEN

Ein Mann steht allein auf einem Berg. Vorsichtig setzt er Schritt vor Schritt und wirkt doch sicher, wie zu Hause, obwohl er noch nie hier war. Abdullah Ibrahim, Pianist und Komponist aus Kapstadt, steht 70 Jahre nach seiner Geburt zum ersten Mal auf dem Tafelberg über seiner Heimatstadt, er blickt auf dunstweiß verhangene Täler und Hügel, Flüsse in hellblauen Ebenen, die sich endlos ins Landesinnere Südafrikas ziehen, er schaut ins Paradies. The Mountain nannte er eine seiner Kompositionen, dem Thaba Bosiu in Lesotho gewidmet, es hätte der Fudschijama sein können, der Kilimandscharo, Saint Victoire, Mindif, jeder Berg, in dem sich die Sehnsucht spiegelt, etwas zu finden, was man verloren glaubte. Hunderte Male hat er dieses Stück gespielt, wie er alle seine Stücke so oft wiederholt hat, dass sie wie magische Zitate eines Lebens wirken. Es sind nicht nur Kompositionen, es sind Beschwörungen eines Landes, Rituale der der Heilung, des Zaubers, zelebriert, um mit Musik die Wirklichkeit zu verändern. Adullah Ibrahim lebt seit 1990 wieder im freien Kapstadt, nach jahrzehntelangem Exil in Europa und den USA. Die Musik ist wieder zum Berg gekommen, dem sie ihre Existenz verdankt, sie hat ihren Frieden gefunden.

Das Stille-Post-Spiel bringt den Jazz von Amerika nach Afrika zurück

Sie sitzen auf Stühlen im Hinterhof, die alten und jungen Männer und Frauen, wippen zu der Melodie von Mannenberg, Abdullah Ibrahims Komposition, die zur inoffiziellen Hymne der Befreiungsbewegung wurde. Sie fangen zu tanzen an, die Dicken und Alten am besten, sie wissen, welche Töne und Bewegungen dem Fleisch gut tun. Der Film A Struggle For Love von Ciro Capellari (Arte, 26. 10.) über Adullah Ibrahim alias Dollar Brand setzt seine Musik in Szenen, die alle Teile der afrikanischen Kunst erfassen, die er immer beschwört: Andacht, Medizin und Gemeinschaft. Als trance-mission bezeichnete er einmal seine Musik, in der die Klage, der Freudengesang und das Hymnische übergangslos ineinander fließen. Und es sind die Menschlichkeit des Klangs und die Freundlichkeit der Melodien, die Adullah Ibrahims Jazz so unwiderstehlich machen.

Adolphe Johannes Brand - in Kapstadt am 9. Oktober 1934 geboren - liebte als Junge das Konglomerat »Jazz«. Nach Kapstadt, dem New Orleans Afrikas, kam schon in den zwanziger Jahren jene Musik zurück, die einst aus Afrika aufgebrochen war. Die Penny-Whistle-Bands imitierten auf ihren Blechflöten die Bläsersätze der Big Bands, Swing, Rhythm 'n' Blues, Jump und Jive beherrschten ebenso die Clubs in Johannesburg und Kapstadt wie der Kwela, der Phata-Phata-Tanz oder der Shake, die Körper in Bewegung versetzten. Es war das Ergebnis jenes Stille-Post-Spiels, das die amerikanische Mischung aus Europas Marsch- und Tanzmusik und afrikanischen Trommelritualen weitergab und sie, in Schellackplatten gepresst, per Schiff wieder nach Afrika zurück schickte. Wie viel Weiß, wie viel Schwarz in dieser mehrfachen Brechung steckte, war nicht mehr auszumachen, Missverständnisse inklusive.

Die Geschichte erzählt, dass Adolphe Brand, ältestes von sechs Kindern, deren Vater man erschoss, als der Junge vier Jahre alt war, früh in der Kirche seiner Großmutter das Klavier lieben lernte, er mit sieben den ersten Mord sah, dass er mit siebzehn dem verhassten Stiefvater entfloh und auf der Straße im District Six in Kapstadt lebte, dass Brand mit jedem verfügbaren Dollar den Matrosen Jazzplatten abkaufte. Als Dollar Brand begleitete er Gesangsgruppen, ging nach Johannesburg, kehrte nach Kapstadt zurück, spielte zum Tanz und saugte jenen Bebop auf, der mit schrägen Akkorden den Weißen Knüppel zwischen die Beine warf. Als er 1959, unter anderem mit dem Trompeter Hugh Masekela, die Jazz Epistles gründete, bekam Südafrika seine berühmteste Jazzband, sein erstes nichtweißes Jazzalbum. Doch der Stolz überdauerte den sich verschärfenden Apartheid-Konflikt nur kurz. Nach dem Sharpeville-Massaker 1960 in Johannesburg, als die Polizei in die fliehende schwarze Menge schießt und 69 Menschen tötet, nach weiteren Unruhen in den Townships Kapstadts, beschließen Dollar Brand und seine Freundin und spätere Frau, die Sängerin Sathima Bea Benjamin, Südafrika zu verlassen. Ein Vierteljahrhundert Exil beginnt, anfangs immer wieder unterbrochen, doch Jahre voller Wut und Sehnsucht.

»Ich bin kein Musiker, ich werde gespielt«

Ruhig gleiten die Finger Adullah Ibrahims über die Tasten, die linke Hand lässt das Ostinato rollen, die rechte singt die eingängigen afrikanischen Melodien, es sind Gassenhauer des Herzens, in die man sich hineinschwingt, kaum hat man sie gehört. Das Potpourri könnte ewig währen, vom African Boogie zum Kinderlied, von der Karnevalsmusik zum Bolero in Moll, vom Blues für einen hippen König in Afrika zur Klangmalerei für Duke Ellington. Abdullah Ibrahim ist ein Zauberer der Wiederholung, und hinter jedem Ton steht eine ganze Landschaft. In den letzten zehn Jahren - er war einer der ersten, die nach dem Ende der Apartheid nach Südafrika zurückkehrten, während seine Frau in New Yorks Chelsea Hotel blieb - mag seine Musik manchem zu friedvoll klingen, und doch strahlt sie Weite und Ruhe aus, auch in fragwürdigen Streicher- und Orchester-Versionen wie African Suite oder African Symphony. Da mag wenig zu hören sein vom verqueren Thelonious-Monk-Einfluss wie auf dem wunderbaren Reflections (1965), dem Aufschrei im Duo mit dem argentinischen Saxofonisten Gato Barbieri auf Confluence (1968), den hypnotischen Soloexkursionen auf African Sketchbook (1969) oder der grandiosen Aufnahme mit Archie Shepp auf Duet (1978), einer der traumhaftesten Duoplatten der Jazzgeschichte. Eher gemahnen sie an verschleierte Kopien der Klangmalereien eines Duke Ellington, der 1962 Sathima Bea Benjamin und Dollar Brand in einem Jazzclub in Zürich entdeckte und in Paris ihren weltweiten Durchbruch initiierte. Und doch ist es auch heute jenes »Ich bin kein Musiker, ich werde gespielt« des 1968 zum Islam übergetretenen Dollar Brand, der sich fortan Abdullah Ibrahim nannte, das jenen Sog verursacht, der seine Musik so einmalig macht. »Wir haben im Islam den Begriff "das Gedächtnis Allahs". Er besagt, dass die Schöpfung Allahs sich im Leben ununterbrochen wiederholt. Repetition ist das Grundprinzip jeder Entwicklung.« Und so ist ihm Improvisation nur ein Mittel, in diese Schöpfung einzutauchen und an ihr teilzuhaben.

»Welcome home«, begrüßt er im Juni 2000 das Publikum in Hamburg zu einem Konzert mit der NDR Big Band. Es ist die Quintessenz seiner Musik. Wo immer man ihn hört - willkommen zu Hause. Nach seinen Exilklagen, den Hit-and-Run-Kampfansagen gegen das Apartheidregime, nach anspruchsvoll misslungenen Suiten und Opern, nach den Block-Akkorden und Ohrwurm-Themen ist er wieder in seiner wahren Heimat angekommen. Seine Musik ist nicht zu imitieren, nicht nachzuspielen, es ist sein eigener Weg zu Allah: »Musik ist eine heilende Kraft. Ich sehe mich nicht als Pianist oder Komponist. Ich verteile Medizin.« Und so feiert ihn die Münchner Plattenfirma Enja unter Matthias Winckelmann, dem er seit 35 Jahren eng verbunden ist, mit einer wundervollen Kompilation und dem Remix seiner Kompositionen, jenen logischen Kreis schließend, der seine Lieder ohne Worte in den Rap des neuen Jahrhunderts tranformiert.

Doch da sind noch immer diese Berge. In Mannenberg, einem tristen Stadtteil von Kapstadt, spielt ein sechsjähriges schwarzes Mädchen in einer abbruchreifen Musikschule für den weltberühmten Mann, der auf einem Plastikstuhl zu Besuch sitzt - Mindif. Viele Chancen hat das Mädchen nicht, in diesem Stadtteil alt zu werden. Aids, Tuberkulose, Diabetes, die Gangs auf den Straßen. Doch die Musik klingt voller Hoffnung auf diesem verstimmten Klavier.