treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

FÜR ROMA & DIE KNÖDEL HEUT GIBTS NOCH EIN PAAR KARTEN: AB 16:00 IM TREIBHAUS

ab 16:00 werden nicht abgeholte karten vergeben. einen ausweis mitbringen, eine mailadresse & ordentlich in den opferstock spenden, bitte. danke. der eintritt ist frei - aber die veranstaltung kostet recht viel geld.

DOLCE ViTA. VOM SCHöNen LEBEN. GESCHICHTEN & MUSIK. EINTRiTT FREI*WiLLIG

für die konzerte & filme im zeughaus gibts platzkarten - die gibts aber nur online, hier auf www.treibhaus.at - die restln gibts am spieltag ab 16uhr im treibhaus. für konzerte im treibhaus gilt: der frühe vogel - il primo uccello...

VIENNA ART ORCHESTRA

30 JAHRE VIENNA ART ORCHESTRA: eine trilogie:  American Dreams - European Visionaries -  Visionaries & Dreams

30 Jahre Vienna Art Orchestra - eine trilogie:
-  American Dreams -  stehen für 100 Jahre USA - musikalische Portraits großer Filmschauspielerinnen des 20. Jahrhunderts: Jean Harlow, Rita Hayworth, Katharine Hepburn, Grace Kelly, Marilyn Monroe u.a., die durch ihr Wesen und Wirken allesamt Filmgeschichte geschrieben haben. Ästhetisch ganz im amerikanischen Gewand erklingt zeitgemäßer Bigband-Jazz.
- European Visionaries - repräsentiert die "alte Welt" der Denker und Visionäre wie Leonardo da Vinci, Isaac Newton, Immanuel Kant, Albert Einstein, Galileo Galilei u.a., die maßgeblich am Fortschritt der Zivilisation Anteil hatten, und versucht, diesen musikalisch gerecht zu werden. Orchestraler, symphonischer Jazz.
- Visionaries & Dreams - eine Synthese der ersten beiden Abende: 13 Paare Women & Men begegnen sich musikalisch. USA und Europa verbünden sich musikalisch zu einer Mischung aus Sinnlichkeit und Abstraktion, münden in eine Quintessenz aus amerikanischem und europäischem Jazz.

American Dreams
Portraits of 13 American Women

1. Jean Harlow BLOND, SHARP & LOUD
2. Rita Hayworth LATIN TWISTER
3. Louise Brooks LULU’S RAGTIME
4. Katharine Hepburn LA GRANDE DAME
5. Grace Kelly ONE DAY MY PRINCE DID COME
6. Judy Garland WIZARDS & BLIZZARDS
7. Josephine Baker SHE NEED NEVER REGRET
8. Lauren Bacall SMILE OF GOLD
9. Mae West BOMBS AND OTHER SHELLS
10. Bette Davis SMOKIN’ WITH BETTE
11. Ava Gardner GARDENER OF UNREALIZED WISHES
12. Marilyn Monroe BEHIND THE MIRROR OF DESIRE
13. Jayne Mansfield RISES AND FALLS


European Visionaries
Portraits of 13 European Men

1. Leonardo da Vinci LIGHT AND SHADOWS
2. Immanuel Kant SEE THE OUTSIDE - UNDERSTAND THE INSIDE
3. Voltaire LA BIBLIOTHÈQUE IMAGINAIRE
4. René Descartes LES JARDINS GÉOMÉTRIQUES
5. Francesco d’Assisi BROTHER SUN AND SISTER MOON
6. Albert Einstein TIME IS WHAT YOU FEEL
7. Erasmus van Rotterdam WHAT YOU BELIEVE BELONGS TO YOUR OWN
8. Nicolaus Copernicus HELIOCENTRIC GAME
9. Sigmund Freud NIGHT & MARES ON A VIENNESE COUCH
10. Isaac Newton BROKEN COLOURS
11. Galileo Galilei THE MAGIC PENDULUM
12. John Locke PATTERNS OF INDEPENDENCE
13. Stephen Hawking BLACK HOLES


Visionaries & Dreams
Portraits of 13 Couples

1. Jean Harlow meets Leonardo da Vinci
2. Grace Kelly meets René Descartes
3. Rita Hayworth meets Isaac Newton;
4. Louise Brooks meets Immanuel Kant
5. Katharine Hepburn meets Voltaire
6. Judy Garland meets Francesco d’Assisi
7. Lauren Bacall meets Erasmus van Rotterdam
8. Josephine Baker meets Albert Einstein
9. Bette Davis meets Galileo Galilei
10. Mae West meets Nicolaus Copernicus
11. Ava Gardner meets John Locke;
12. Marilyn Monroe meets Stephen Hawking
13. Jayne Mansfield meets Sigmund Freud

alle Kompositionen & Arrangements von mathias rüegg

Besetzung

Anna Lauvergnac (I) - voice
Tobias Weidinger (D) - lead trumpet
Matthieu Michel (CH) - trumpet
Juraj Bartos (SK) - - trumpet
Stephan Zimmermann (D) - trumpet
Adrian Mears (AUS) - trombone
Robert Bachner (A) - trombone
Dominik Stöger (A) - trombone
Ed Partyka (USA)  - bass-trombone
Nico Gori (I) - clarinet & alto sax
Joris Roelofs (NL) - alto sax & clarinet & flute
Harry Sokal (A) - soprano sax, tenor sax & flute
Andy Scherrer (CH) - tenor sax
Herwig Gradischnig (A) - baritone sax & bass clarine
Martin Koller (D) - guitar
Hans Strasser (A) - bass
Mario Gonzi (A) - drums
Ingrid Oberkanins (A) - percussion
mathias rüegg (CH) - leader, arranger, conductor

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Die Geschichte des Vienna Art Orchestra’s


kurz gefaßt

Das Vienna Art Orchestra, eine der führenden Big-Bands Europas, wurde 1977 in Wien von mathias rüegg gegründet. Nach einem kurzen, aber intensiven aktionistischen Beginn eroberte der junge Klangkörper mit seinem postmodernen Stil, irgendwo zwischen Wiener Schmäh und Avantgarde angesiedelt, die Konzertbühnen Europas (Tango from Obango, From No Time to Rag time, The Minimalism of Erik Satie u.a.). Ende der 80er Jahre (die Zerfallserscheinungen traten schon vorher ein) löste sich die zehn Jahre lang konstante Besetzung um Wolfgang Puschnig, Lauren Newton, Roman Schwaller, Wolfgang Reisinger, John Sass und Christian Radovan auf, und es folgte eine Zeit der Neuorientierung, die erst wieder ab 1992, mit den Produktionen Fe & Males und La Belle et La Bête als gelungen bezeichnet werden kann. Eine zweite Generation von Musikern um Matthieu Michel, Andy Scherrer, Klaus Dickbauer und Florian Bramböck bildet seither das Rückgrat der Band, zusammen mit Bumi Fian und Harry Sokal. rüegg zieht sich als Komponist mehrere Jahre zurück und arrangiert verschiedene thematische Programme wie European Songbook, Nine Immortal (Non)Evergreens for Eric Dolphy, Ballads, American Rhapsody, Duke Ellington’s Sound of Love & All That Strauss.
Bis 1997 spielt das VAO in kleinerer Besetzung, langjährige Musiker wie Herbert Joos, Uli Scherer und Heiri Känzig verlassen die Band. Das 1998 (dank Thorsten Benkenstein) zur Big-Band erweiterte Orchester, das sich von seinen frühen Avantgarde-Anfängen zu einem reifen Klangkörper entwickelt hat, arbeitet seither konsequent an dramaturgisch durchgestalteten & visuell konzipierten Programmen, und fühlt sich dem europäischen und dem amerikanischen Erbe gleichermaßen verpflichtet. Nach wie vor spielt die Stimme im Orchester eine große Rolle: Anna Lauvergnac folgt Urszula Dudziak und Lauren Newton.
Der Musikerpool des VAO vergrößert, verjüngt und verändert sich (Thomas Gansch, Arkady Shilkloper, Christian Muthspiel, Adrian Mears, Robert Bachner, Herwig Gradischnig, Martin Koller, Alegre Correa, Georg Breinschmid, Robert Riegler, Mario Gonzi & Jojo Mayer), vor allem auch in Bezug auf die stilistischen Anforderungen der verschiedenen Programme. Seit 2001 ist das VAO mit zwei Rhythm-Sections, einer akustischen und einer elektrischen, unterwegs. Das europäisch-internationale VAO ist eine rare Großformation, die ausschließlich aus hochkarätigen Solisten besteht, trotzdem homogen klingt und auf  Starssolisten verzichtet. Mit Artistry in Rhythm, A Centenary Journey sowie Art & Fun hat sich rüegg als Komponist wieder zurückgemeldet.
Das Orchester gab über 800 Konzerte in 50 Ländern, nahm mehr als 35 Tonträger auf, gilt als offizieller Kulturbotschafter Österreichs und wurde vielfach ausgezeichnet.



etwas ausführlicher..

Aberwitzige Klangabenteuer
mit Wiener Schmäh

Sitzt ein Zürcher Pianist in einer Wiener Jazzkneipe … Was wie der Auftakt zu einem vielversprechenden Musikerwitz klingt, ist der Beginn einer bis heute ungebrochenen Erfolgsgeschichte.
Denn bei dem eidgenössischen Exilanten, der da jeden Abend die Gäste der Jazz-Gitti unterhielt, handelte es sich um niemand anders als mathias rüegg (der sich damals freilich noch mit Versalien schrieb). Recht rasch wurde es dem Mann am Klavier allerdings allein recht fad, weshalb er bald seine ganz eigene Version des beliebten Stücks „Zehn kleine Afroamerikaner …“ zur Aufführung brachte.
„Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, im Duo zu spielen und lud Wolfgang Puschnig ein. Bald wurde aus dem Duo ein Trio, dann ein Quartett und so weiter. Jeden Abend ging ich zur Lokalbesitzerin und informierte sie: ,Heute spielen wir im Septett. Heute sind wir zu acht‘. Eines Tages waren wir 17 Mann. Untertags schrieb ich die Musik, am Nachmittag wurde geprobt, am Abend gab’s dann schon die Aufführung. Das war damals in Wien eine kleine Sensation“, erinnert sich mathias rüegg an die Anfänge dessen, was heute als Vienna Art Orchestra weltberühmt ist.
Damals, das war 1977. Ganz dem Zeitgeist entsprechend, feiert der buntgemischte Haufen von Musikern, Literaten, Tänzern und Künstlern unter dem etwas exaltierten Namen „Premier Orchestre d’Art de Vienne“ wilde Happenings, gibt Straßenkonzerte und präsentiert sogar eine Komposition mit dem schönen Titel „Concert for four trees, fireworks, the soldier’s book, half-militant children and orchestra“ dem staunenden Wiener Publikum. Es folgen diverse Multimediaprojekte und ein leidlich beachtetes Konzert mit der lokalen Blaskapelle beim ersten Jazzfestival Saalfelden. Doch schon bei der ersten Tournee bricht die anarchistisch-chaotische Truppe auseinander. Was bleibt, sind 14 Musiker (Werner Pircher, Harry Pepl, Bumi Fian, Lauren Newton, Roman Schwaller, Herbert Joos, Uli Scherer, Wolfgang Puschnik, Harry Sokal u.a.) rund um Mastermind mathias rüegg, die beschließen, fortan als eher seriöses Jazzorchester zu firmieren und mit ihrer bis heute einzigen Studio-Produktion, „Tango From Obango“, ein fabelhaftes  Debütalbum vorlegen.
Doch was heißt schon „seriös“ bei diesem ganz und gar unkonventionellen Ensemble? Bereits die Besetzung widerspricht allen Regeln klassischer Big-Band-Tradition: ein Sopran-, ein Alt-, ein Tenorsaxophon, zwei Trompeten, Flügelhorn, Posaune, Tuba, Marimba, Klavier, Baß, Schlagzeug und Percussion, dazu die Stimme von Lauren Newton, die „innerhalb von schätzungsweise viereinhalb Oktaven Grenzüberschreitungen vorführt, wie sich sonst nur in den (sterileren) Bereichen einer Cathy Berberian finden lassen“ (Peter Rüedi).
Souverän jagt mathias rüegg sein „dirty dozen“ ausgeprägter Individualisten durch aberwitzige Klangabenteuer, wildet ebenso hemmungslos wie intelligent in der Jazzhistorie – seine Komposition „The World of BE band & big BOP“ auf „Tango From Obango“ steht geradezu leitmotivisch für das heute über 450 Stücke umfassende Repertoire des Vienna Art Orchestra – und legt so den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsgeschichte Made in Austria. Denn dem Vienna Art Orchestra zuzuhören, gleicht immer wieder – seit nunmehr 28 Jahren – einem Hindernislauf des Gehörs durch die unterschiedlichsten Epochen der Musikgeschichte. War das gerade nicht …, könnte das etwa …? In der Tat, es war, es könnte auch … Nicht ohne Grund sagte der Leiter, Komponist und Arrangeur einst: „Sollte der Kenner Teile, Zitate, Originale oder Bearbeitungen von Bach, Mozart, Bartok, Stravinsky, Tristano oder Monk gehört haben, so hat er sich nicht getäuscht. Versagt sein Gedächtnis aber, so fassen wir das als Kompliment auf: Er hat unsere Individualität erkannt.“ Ein Statement, das bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat, wie auch das jüngste, von Zitaten berühmter Bandleader geprägte Programm „Big Band Poesie“ – allerdings äußerst subtil – zeigt.
Trotz der Kunst im Namen ist mathias rüeggs virtuoses Spiel mit der Musikgeschichte freilich zu keiner Sekunde „l’art pour l’art“.  Programmatisch die Eingangssentenz von Lauren Newton auf dem ersten Live-Album „Concerto Piccolo“ 1980, das den internationalen Durchbruch für das Vienna Art Orchestra bringt: „The avantgarde is dead“ verkündet die Sängerin da im Brustton der Überzeugung. Begeistert jaulen die Trompeten auf – und dann antwortet die Band im Chor: „Death to tradition“. Womit für alle Zeiten das Spannungsfeld abgesteckt ist, in dem sich die Wiener Jazzer (die übrigens neben Österreichern immer wieder auch Schweizer, Deutsche oder Amerikaner an Bord haben) bewegen werden.
Denn natürlich darf man diese Aussagen nur ironisch verstehen. Setzt doch das Vienna Art Orchestra seine ganz eigenen Maßstäbe in Sachen Avantgarde und steht für eine Spielhaltung, die neuartige Klangbilder und grandiose Soli aller Musiker in kunstvollen, stets originellen Arrangements voller Spielwitz mit der glorreichen Vergangenheit nicht nur der Jazzgeschichte vereint.
Enthält „Concerto Piccolo“ beispielsweise fast auschließlich Eigenkompositionen von mathias rüegg, so hat er auf „From no time to rag time“ (1984) eine beeindruckende Auswahl an „Unknown Jazztunes“ versammelt: „Jazzkompositionen, die außer in der Originalversion fast nie mehr gespielt worden sind. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie entweder formal schon erweitert waren, keine leicht nachvollziehbaren Melodien besitzen oder sehr stark mit dem Charisma des jeweiligen Interpreten verbunden sind“, so der Arrangeur. Darunter sind Antony Braxtons „N 508-10“, Roswell Rudds „Keep your heart right“, Bud Powells „Un poco loco“ und „Cascades“ von Scott Joplin.
Doch rüegg wäre nicht rüegg, gäbe es da nicht mehr als „nur“ die eigenen Stücke oder seine Bearbeitungen der amerikanischen, aber auch europäischen Kollegen. Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit hat er sich 1983 an das Werk eines der größten musikalischen  Genies des 20. Jahrhunderts gemacht, an einen Komponisten, der durch seine „vexations“ vermittels 840facher Wiederholung jeden Pianisten (jedoch stets ohne Absicht!) zermürbte – Eric Satie, jenen verlorenen Montmatre-Musiker, der immer eine Musik „sans choucroute“ (ohne Sauerkraut) wollte. Mit dem ihm eigenen Maß an Feingefühl – Takt darf man von einem Musiker ja eh erwarten – ist es dem Schweizer damals gelungen, eine der spannendsten, wohl auch im Sinne Saties gelungensten Bearbeitungen auf Bühne und Platte zu bringen: „The Minimalism of Eric Satie“.  „Jeder sollte Satie so spielen, wie es das Vienna Art Orchestra tut“, urteilte die F.A.Z. damals.
Was den Gelegenheitshörer wie den Kenner bis heute immer wieder verblüfft, ist die unglaubliche Wandlungsfähigkeit dieses fabelhaften Solisten-Ensembles, das längst gelernt hat, mit dem redlich erworbenen Ehrentitel „Beste Big Band der Welt“ (die aus öffentlichen Töpfen alimentierte WDR Big Band vielleicht ausgenommen) zu leben. Getreu der alten Werber-Weisheit „Persil bleibt Persil, weil Persil nicht Persil bleibt“ – ein Satz, über den sich daraus länger nachzudenken lohnt – hat sich das Vienna Art Orchestra im Laufe seiner Geschichte immer wieder verjüngt und erneuert. Vielleicht nicht immer ganz freiwillig: Manche Bandmitglieder hielten auf Dauer der speziellen Gruppendynamik nicht stand und verliesen rüegg & Co., andere, wie etwa Wolfgang Puschnik, starteten eine Solo-Karriere, wieder andere, etwa der unvergessene Hannes Kottek, starben allzu jung und hinterließen eine nur schwer zu schließende Lücke. Doch immer gelang es, adäquaten Ersatz für ausscheidende Musiker zu finden. Kein Wunder, gilt es doch längst als große Ehre, im Vienna Art Orchestra spielen zu dürfen. Selbst ein Essener Jazzer, der Drummer Thomas Alkier, fand so seinen Weg von der Ruhr an die schöne blaue Donau.
Doch weit wichtiger: Auch das Repertoire wird von mathias rüegg immer wieder überraschend frisch in alle möglichen Richtungen erweitert. Dazu schöpft der gelernte Grundschullehrer aus einem immensen Fundus an musikalischem Wissen, das bei den Anfängen des Jazz noch lange nicht Halt macht. Da stehen Bearbeitungen klassischer Größen als „Blues for Brahms“ (1988) neben dem mit einem ungeheuer frechen Wortspiel betitelten „Mozart’s balls“ (1991), zeigt sich rüeggs unbändiger Humor etwa bei „The Innocence of Clichés“ (1989) . Und natürlich gibt es immer wieder fabelhafte Verbeugungen vor großen Kollegen, seien es „Nine Immortal nonEvergreens for Eric Dolphy“ (1995) oder „The Originals Charts of Duke Ellington and Charles Mingus“ (1993), die grandios zu unerhört neuen Klangbildern aufblühen. Gerade Ellington ist für rüegg und das Vienna Art Orchestra von besonderer Bedeutung: Leitete der Duke doch ebenfalls ein grandios besetztes Ensemble ausgewiesener Solisten, denen er immer wieder fabelhafte Nummern auf den flexiblen Klangkörper maßschneiderte. Kein Wunder also, das von allen Jazzgrößen Edward Kennedy Ellington am häufigsten im Repertoirereigen der Wiener auftaucht, die dem berühmten Kollegen mit „Duke Ellington’s Sound of Love“ (Vol. I. 1999, Vol. II. 2003) sogar gleich doppelt huldigen.
Längst konventionell wie eine klassische Big Band besetzt, was freilich bei diesem Ensemble nicht viel zu sagen hat, gelingt dem Vienna Art Orchestra zum Milleniums-Wechsel ein besonders spektakulärer Coup. Lassen sie doch auf „A Centenary Journey“ (2000) ein ganzes Jahrhundert Jazzgeschichte voller Aberwitz und Spielfreude Revue passieren, was nicht nur bei ihrem Auftritt im Rahmen der RuhrTriennale zu Begeisterungstürmen führt. Ähnlich erfolgreich präsentiert mathias rüegg zum 25. Geburtstag 2003 unter dem Titel „Art & Fun“ eine Tour de force durch das riesige Repertoire der Band und versteckt gleich 80 Zitate in einem bunten Reigen, der er – wie stets auf der Höhe der Zeit – dem Gitarristen Martin Koller sogar für einen elektrisierenden Remix anvertraut. Selbst intime Kenner des Vienna Art Orchestras verzweifeln übrigens bis heute bei dem Versuch, sämtlichen musikalischen Fetzen den korrekten Titel zuzuordnen.
Insofern muß sich niemand heute abend schämen, wenn er den zwölf Kompositionen des neuen Programms „Big Band Poesie“, deren Titel Zitate berühmter Big Band-Leader zugrunde liegen, die richtigen Musikernamen – Don Ellis, Quincy Jones, Duke Ellington natürlich, Stan Kenton, Gil Evans etc. – nicht zuordnen kann. Dienen die gelegentlich widersprüchlichen Statements doch lediglich als Inspirationsquelle und Ausgangspunkt für die neuen Stücke des rein akustisch spielenden Vienna Art Orchestras, die der Gitarrist und Soundtüftler Martin Koller mit zeitgenössischen elektronischen Mitteln ebenso feinfühlig wie raffiniert aufpeppen wird. Was, wie schon auf der soeben erschienenen CD „Big Band Poesie“ zu hören, den fast schon „klassisch“ zu nennenden Orchester-Sound mit frischen Farben anreichert und vor allem die Solisten hochpoetisch vor neue Herausforderungen stellt. Dabei ist das, was einst so chaotisch in einem kleinen Jazzlokal begann, längst zu einem hochprofessionellen Unternehmen „mit 20 Tonnen Equipment, inklusive Bühne, Licht und Ton“ gereift, vorbei die Zeiten, als sich das Vienna Art Orchestra noch mit 200 Besuchern in den 140 Quadratmeter (!) großen Keller des Dortmunder Domicils quetschte: „Die Nummern sind sehr genau auf die Solisten zugeschnitten, und der dramaturgische Ablauf mit der ganzen Visualisierung wird konsequent geplant und umgesetzt“, so mathias rüegg, der zufrieden konstatiert: „Aus der Posthippie-Band mit all ihrem Wahnsinn ist ein ernstzunehmender Klangkörper geworden, der eine Synthese zwischen amerikanischer und europäischer Tradition repräsentiert.“
Sven Thielmann