treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

DOLCE ViTA. VOM SCHöNen LEBEN. GESCHICHTEN & MUSIK. EINTRiTT FREI*WiLLIG

für die konzerte & filme im zeughaus gibts platzkarten - die gibts aber nur online, hier auf www.treibhaus.at - die restln gibts am spieltag ab 16uhr im treibhaus. für konzerte im treibhaus gilt: der frühe vogel - il primo uccello...

SANDY DILLON

Tom Waits und Nick Cave haben eine gemeinsame Tochter -  sie heißt  Sandy D.

Die musikalische Nähe zu Waits und Größen wie Janis Joplin oder Captain Beefheart, die sie immer wieder als Einflüsse nennt, kommt nicht von ungefähr. Sandy Dillon ist so etwas wie die weibliche Reinkarnation eines Tom Waits. Klagend, stöhnend, keifend trägt sie ihre Songs vor, die vor sich hinrumpeln, als wäre mal wieder der große Treck mit Pferdchen samt Planwagen gen Kalifornien unterwegs. Was lässt sich über eine Frau sagen, die man fast nicht beschreiben kann? Vielleicht, dass sie zu denjenigen gehört, die den Blues mit all seinen Facetten modernisiert haben, obwohl sich alles anhört, als könnte es auch aus dem 19. Jahrhundert stammen? Oder, dass Sandy eine Röhre besitzt, die manch einer selbst dann nicht zustande bringt, wenn er sich 24 Stunden am Tag mit dem übelsten Fusel die Rübe zuschüttet?

DIE ZEIT :
Im Wald mit Wolfsstimme

Die Amerikanerin Sandy Dillon spielt im organisierten Chaos und singt auf den Spuren von Tom Waits  Konrad Heidkamp

Als sich die junge Betty Joan Perske beim amerikanischen Regisseur Howard Hawks für den Film To Have And Have Not vorstellen sollte, riet man ihr, tiefer als gewohnt zu sprechen - Männer lieben dunkle Stimmen an schlanken Frauen. Es funktionierte. Unter dem Namen Laureen Bacall lehrte sie Humphrey Bogart das Pfeifen: "Just put your lips together - and blow." In Romy-Schneider-Tonlage wäre der Satz wirkungslos verpufft.

"I was born to hoarse", erklärt die schmale Sandy Dillon, ein weiß geschminktes Hexenkind, das im Walde singt, um sich nicht zu fürchten, und zugleich die heisere, verrauchte Stimme des Wolfes übernimmt.

Wohin mit ihr? In eine Ecke mit den wilden Grrrls oder zu den gitarrensoliden, komponierenden Sängerinnen, in eine Garderobe zusammen mit den postfeministischen Rollenträgerinnen oder an die Bar zu den Töchtern von Blondie? Ist diese kratzende Kellerstimme nicht zu viel? ZU VIEL wie Tom Waits oder Nick Cave, immer hart an der Grenze, hinter der die eigene Parodie lauert? Als sie im Sommer 2000 miniberockt und federboabehängt über die Bühne stampft und Voodoo tanzt, könnte sie als Nichte Nina Hagens durchgehen, singt sie leibhaftig, öffnen sich dunkle Abgründe.

Die Spätberufene - sie ist älter, als es scheint - hatte 1999 ihr erstes Album veröffentlicht, beschwor darin schwarze Witwen und versprach, dass man sich in der Hölle wiedertreffen würde. Sie schwamm in trüben Fantasien und bat den Richter inständig, er möge sie auf den elektrischen Stuhl schicken, sie habe ihren Mann umgebracht. Doch feminine Vergleiche fehlen, die musikalischen Wurzeln von Electric Chair reichen atypisch tief in den Blues - Send Me To The 'Lectric Chair wurde von Bessie Smith ebenso gesungen wie von Dinah Washington -, berühren die melancholischen Liebeslieder der dreißiger Jahre, die Gefühlslagen einer Billie Holiday. Mit einem entscheidenden Unterschied, es sind Lieder, aus denen die Frauen mit heiler Haut davonkommen: "Torch songs where the woman doesn't get burnt."

Mit einem Bein tastet sie ganz nahe am Rand des Abgrunds, mit dem anderen steht sie fest auf dem sicheren Boden der Tradition. Was ihr auf Electric Chair der Blues war, findet sie auf dem neuen Album East Overshoe im amerikanischen Volks- und Tanzlied - in eingeborener Terminologie, dem Countrysong. Gebrochen natürlich. Und dazu - als garantiere diese Stimme nicht schon genügend Distanz zu Vorbild und Modell - mit jenem musikalischen Material unterlegt, das in Garagen rumliegt, mit dem blechernen Scheppern von Gitarren, dumpfen Trommeln auf Blechfässern, knochenklappernden Rhythmen und heulender Mundharmonika. Es ist das Instrumentarium, das sich seit Jahren bei Tom Waits stapelt und das vor 30 Jahren den legendären und langsam wieder entdeckten Captain Beefheart über die Verlockungen des Blues hinweghalf - das organisierte Chaos.

Lieder wie B-Movies aus Hollywood

Inzwischen ist jedoch sogar der Kellerklang zum Genre geworden. Wie das Streichquartett, das Jazztrio oder die unvergleichliche Kombination aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, so auch die elektrifizierte Schrott- und Abfall verwertende Avantgarde - ein Zitat ihrer selbst. Doch Sandy Dillon mischt ihre Holzfällerstimme nur mit Spurenelementen aus jenem Garageninstrumentarium, lässt ihre Melodien im Fluss jener Geschichten treiben, die ganz traditionell von Liebe und Verrat erzählen. Sie erinnern an jene kargen amerikanischen B-Movies mit ihren Storys aus Hollywood und dem Glamour einer Billigproduktion. Wie Cindy Sherman in ihren frühen Fotografien inszeniert sie Gefühle als Standfotos, nicht die großen Szenen, sondern die Momente davor oder danach. Sandy Dillon singt B-Movie-Musik, mit Klängen, die jeder Produzent rausschneiden würde, die auf eine seltsam eigensinnige Weise misslungen sind. Sie bricht jede Illusion einer perfekten Inszenierung, und genau in jener Differenz zwischen Hochglanzoriginal und zerkratzter Kopie liegt die berührende Schönheit ihrer Musik.

"What do you like best?", fragt die Stimme von Hector Zazou, und Sandy Dillon antwortet: "Money!" - "Why money?" - "To buy records!" So stil- und szenekorrekt beginnt eine CD, die der französische Klangarrangeur und Musiker Hector Zazou zusammen mit Sandy Dillon beinahe zeitgleich mit Dillons eigenem Album veröffentlicht: 12 (Las Vegas Is Cursed). Und anschaulicher lässt sich der Unterschied zwischen einem faszinierendem B-Movie und einem schwarz-weißen Avantgardefilm nicht hören: Man kennt die zwölf Leute, die im Kino sitzen werden. Hector Zazou war für den instrumentalen Teil zuständig, Dillon für Text und Stimme, sie hatten sich nie gesehen, verkehrten über Fax und Telefon, manche Stücke sang sie ihm über den Hörer in den Recorder. "I'm in no shape to love", und es klingt wie Antisex am Telefon, "I'm hiding on Channel 12", und die geisterkammermusikalischen Zwischenspiele steigern die dumpfe Erregung. Man könnte die elektronisch wabernden und vibrierenden Klangschleifen, die Saxofonschreie und das Gitarrenschrammen als archaischen Protest gegen digitale Glätte deuten, gäbe es nicht diese Momente des stillen Auseinanderbrechens, wenn da nur ihre Stimme röchelt oder das Lied stehen zu bleiben scheint: Excuse Me (If I'm Sad). Schönheit besteht oft nur aus ein paar gefrorenen Momenten.

Am 20. Dezember 1993 erschien im regionalen South Star, Massachussetts, ein kurzer Artikel: "Dillon, Sängerin und Pianistin, und ihr Mann, der englische Gitarrist und Komponist Stephen Bywater geben heute Abend um acht ein Konzert auf ebender Bühne, wo Dillon 1977 in der Schulaufführung von Bye Bye Birdie mitspielte. Wir sprachen mit ihr im Haus ihrer Eltern in der Jerusalem Road, wo beide ihren Urlaub verbringen." Es sind diese Momente, da sich Türen öffnen, desillusionierende Blicke in Kinderzimmer und Küchen freigeben, da hinter stummfilmweißen Wangen und schwarzen Kajal-Augen gebügelte Socken und Pinnwände aus Kork durchschimmern. Cohasset nennt sich der Heimatort, liegt in der Nähe von Boston, wo Sandy Dillon am Berklee College Musik studierte ("Um Regeln zu verletzen, muss man sie kennen"). Danach ging sie nach New York und lebte ihre Version des amerikanischen Künstlers: im Chelsea Hotel, als Barpianistin und Balladensängerin in Schwulenbars auf der 52nd Street. Tony DeFries, Manager David Bowies, mit gutem Geschmack für exzentrische Sängerinnen ausgestattet, nahm sie unter Vertrag, produzierte zwei Alben, die nie erschienen, bis sie ihm 1984 nach London entwischte. "Ich habe gelernt, wie man eine Platte nicht machen sollte. Man wollte mich als Madonna oder Cyndi Lauper haben, eben als das, was sich gerade gut verkaufte."

Drei Jahre danach heiratete sie einen Mann, der ihr bei einer Probe in einem kalten, ehemaligen Schlachthaus in Stockwell seinen Mantel angeboten hatte: den an multipler Sklerose leidenden Gitarristen und Klangbastler Steve Bywater. Er wurde ihr Mann, Komponist und Bandleader, er starb Ende vergangenen Jahres. Auf East Overshoe fehlt jeder Hinweis, nur seine präparierte Gitarre und sein Atmen sind zu hören - I'm Just Blue. Liebeslieder, in denen einer von zweien verbrennt, sterben nicht aus.