treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

JENSEITS VOM CHRISTKINDLMARKT // DER neue TREIBHAUS-PASS // & MORE.

Den Treibhaus-Konzert-Paß (gilt bis 30.6.'20) oder Eintrittskarten als erlesene Genschenks-Papiere: das Winter & Frühjahr bereits im Vorverkauf. Von Rebekka Bakken bis John Scofield bis Lola Marsh, von Mascheks Jahresrückblick bis Manuel Rubey. Den Paß gibts endlich online - mit dem Link d(r)oben im Menu!

PETER HANDKE: SELBSTBEZICHTIGUNG

Die Lausbuben-Litanei : Handkes «Selbstbezichtigung»:   Ein Hoch auf die bösen Buben!

Vor 40 Jahren hat Peter Handke das Sprechstück 'Selbstbezichtigung' geschrieben. Entstanden im Umfeld der aufsehenerregenden 'Publikumsbeschimpfung', proklamierte der Literatur- und Theaterbetrieb angesichts dieser  Stücke im Herbst  1966 den Abschied vom bildungsbürgerlichen Traditionstheater wie vom Theater-'Schwulst eines ausgeliehenen ideologischen Überbaus', der der Gruppe 47 nämlich.
Heute stellt sich uns die Frage, inwieweit diese Texte Theatergeschichte, inhaltlich wie formal  zeitgebunden sind und stellen erstaunt fest, welchen fast universalen Umkreis menschlicher Befindlichkeiten der 24 Jahre junge 'Beatnik' Handke mit dieser transparenten und durchrhythmisierten Sprach-Partitur beschreitet. Es ist eine menschliche Gedankenwelt, die sich uns offenbart.  Hinstehen und sich zeigen. Den Mund aufmachen, sich selbst anklagen, Stellung beziehen, seinesgleichen finden, indem man sich zeigt.

Die Selbstanklage offenbart sich als universales Selbst: Bewusstsein und entpuppt sich immer mehr zu dem Mut, den wir im Hier und Jetzt zunehmend vermissen. Angesichts endloser, eintöniger,  kleinmütiger  und anonymer Selbstbezichtigungen im Reality-TV wird ein Individuum gezeigt, das die eigenen Übertretungen öffentlich gesteht, indem es der delphischen Forderung nach Selbsterkenntnis nachkommt,  abseits von Exhibitionismus und Voyeurismus. Aus der komisch-verquer wirkenden Litanei, mit der es Handke gelingt, unsere Existenz fast vollumfänglich zu zeichnen, wird auf Strecken ein grossartiges Lamento.
Die grosse Klage der menschlichen Kreatur.

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10. NOVEMBER 2006, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG
Lausbuben-Litanei - Handkes «Selbstbezichtigung»


Ein Hoch auf die bösen Buben! Auf Peter Handke, lange bevor er seinen Henriquatre-Bart und politisch problematische Anwandlungen hatte; auf Jack Nicholson, Handke sprechend, aufrauend, durch schmale Lippen an der baumelnden Zigarette vorbeimaulend. Jack Nicholson? Bodo Krumwiede! In schnellen Filmspots flimmert sein schief grinsender Mund, Handkesches murmelnd, über das naturseiden glänzende Kleid der Schauspielerin Ruth Schwegler: ein kleiner Punkt auf der Bühne, eine grosse Präsenz im «Parkett» des Cabaret Voltaire, wo Handkes «Selbstbezichtigung» (1965) - kluges Sprachgeklingel mit selbstkritischen und gesellschaftskritischen Pointen - in der Regie von Krumwiede am Mittwoch Premiere hatte (Produktion der Sprechoper: Label Beiruth).
Der 50-jährige Deutsche, der zur freien Zürcher Theaterszene gehört wie Apfelmus zu Älpler- Makkaroni, hat ein Händchen für Handkes kultivierte Patzigkeit. Wo der (damalige) österreichische Pilzkopf sich sozusagen mit dem Schlagzeug durch die Wortschablonen poppt und rund ums Stellungbeziehen, Sich-Verstellen und Schweigen alle verbalen Masken herunterrappt, hat Bodo Krumwiede noch ein kesses Bühnengeschehen dazuorchestriert: sich selbst als schnoddrige Stimme, Pead Conka als Ton zum Stück (der junge Berner fiept, frotzelt und fräst Handke auf der Klarinette, der E-Gitarre und sonstigen E-Sounds) - und Ruth Schwegler als lebenden Text. Schwegler, Mitbegründerin des Theater-Clubs 111 in Bern, zieht für die Worterforschungen Peter Handkes, für seine Aufmischung des (literarischen) Establishments viele Register. Bald fleht sie auf den Knien ins Mikrofon, bald tanzt sie den Flohwalzer, derweil die Wörter wie unruhige Flöhe herumspringen. Bald ist sie Verführerin, bald Verfolgte. Und sie spielt sich so gefährlich nah an die Schauspielschul-Etüde heran. Allerdings ist es ohnehin unvermeidlich, dass die Litanei - Litanei bleibt; samt dem Leierkasten-Effekt der Langeweile. Und ein Lausbubenstreich aus dem Geist des Widerspruchs.

Alexandra Kedves10. November 2006, Neue Zürcher Zeitung



Eine Produktion von Label Beiruth

Figur 1: Ruth Schwegler
Figur 2: Bodo Krumwiede
Regie: Bodo Krumwiede -
Komposition und Live Musik: Paed Conca (Bassclarinette & Electonix)
Kostüme: I. Gill Klossner
Bildaufnahmen von Figur 2: Martin Guggisberg
Tonaufnahmen von Figur 2: Thomas Gassmann
Technik: Samuel Schönenberger