treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

EINLASS INS TREIBHAUS - ES GILT GILT WEITERHIN: GE-IMPFT # GE-TESTET # GE-NESEN

für den Besuch des Treibhauses, ob Konzert oder nur Cafe, gilt nach wie vor die 3G Regel geimpft getestet genesen. es muß kein PCR-Test sein. Wir kontrollieren - aber diskutieren die Regeln NICHT. Bewährt hat sich auch: ge-duscht, ge-föhnt & ge-kampelt zu erscheinen. 1Tip: vor dem Essen Hände waschen nicht vergessen...

das treibhaus ist wieder offen - alltäglich ab 16:00 bis sperrstund ist (ca 1UHR)

der Garten öffnet alltäglich ab 16:00 - um 19:00 mutiert der Teil vor der Gartenbühne in einen KONZERTSAAL. Das ganze Sommerprogramm findet an der frischen Luft statt. Konzertbesucher können gern Platzkarten reservieren - procedere wie im Sommer & Herbst. (auf www.treibhaus.at/programm). Einlaß in den "Konzertsaal" ist um 18:00. Restkarten werden am Veranstaltungstag ab 18:30 ausgegeben // fürs Wirtshaus reservieren wir keine Tische - denn da ist Platz für fast alle: die Weiberwirtschaft hat sich auf den Treibhaus-Vorplatz ausgedehnt - unser Begleitservice hilft beim Tisch-suchen. Kommt, ihr habt alle Platz # alles wird gut.

BONAPARTE

Bonaparte ist ein Gesamtkunstwerk aus VISUAL TRASH PUNK  zwischen Freak-Show, Vaudeville und Burlesque.

VISUAL TRASH PUNK aus Berlin / Barcelona.
Vorhang auf! Das Leben ist nichts weiter als eine große Party – und der Eintritt kostet den Verstand! Das Spektakel wird niemals untergehen! Viva Bonaparte! Hoch lebe der Kaiser! Lang lebe der Rock’n Roll....
eine schweißtreibende Grenzerfahrung zwischen verschwimmenden Geschlechterrollen, Tierkostümen und viel nackter Haut, die sich verlässlich ins Langzeitgedächtnis einbrennt. Das dem Berliner Underground entstammende Kunstprojekt hat inzwischen ganz Europa in seinen Bann gezogen. Quentin Tarantino ist ein glühender Fan und Qualitätspresse sowie Kulturmagazine berichten stets euphorisch über das Phänomen Bonaparte.

Ein überdimensionierter Hase wird von einer maskierten Reporterin gejagt. Ein Mann mit Melone grillt mit einem Bunsenbrenner Wiener Würstchen, die von einer Stripperin im Almdirndl gehalten werden. Ein Zwerg mit einem überdimensionierten Plastikhummer als Fliege glotzt manisch vom Rand der Bühne ins Publikum. Eine weibliche Person, die an eine Replikantin aus Bladerunner erinnert, beißt in einen Wilhelm Tell’schen Apfel um danach einem halbnackten, schnurrbärtigen Stripper auf dem Discokugelkopf zu streicheln. Neben dem Tänzer steht eine Feuerspuckerin und setzt an zur ersten Fontaine. Nein, das beschreibt keine Details aus einem neuen Terry Gilliam-Filmdreh, sondern ist eine Szene aus einem Konzert des Internationalen Party-Batallions mit Namen Bonaparte. Im Publikum tragen Männer und Frauen freiwillig plüschige Hasenohren und tanzen sich in Ekstase: "Anti! Anti!!!", brüllt die Meute aus einer Kehle zum Blut- und Wasser schwitzenden Garagenrock einer 4-köpfigen Band, die von Deltablues über Stonesund Led Zepplin-Riffs bis hin zum Berliner Electro-Synth-Oktavenbass alles verwurstet, was nicht bei fünf auf den Bäumen ist. Angeführt werden Bonaparte vom einem Sänger und Gitarristen im Napoleon- Look, der sich schlicht und einfach "Der Kaiser" nennt. Die Idee eines Rock’n Roll-Zirkusses kam ihm irgendwann auf einer Autofahrt zwischen Barcelona und Berlin in seinem Fiat 850 mit 52 Pferdestärken. In der alten Mauerstadt hat der Kaiser nun seit ein paar Jahren seinen festen Wohnsitz gefunden; aber was heißt schon "fester Wohnsitz", wenn man über 100 Konzerte im Jahr zwischen Amsterdam, Atlantikküste, Moskauer Schneegestöber, den Alpen und Neuseeland spielt? In den wenigen Tagen des "normalen", irdischen Daseins fernab des Rock’n’Roll-Nomadentums hat der Kaiser nun endlich sein Folgealbum zum allein in Deutschland über 10.000mal verkauften und nachweislich über 250.000 mal illegal herunter geladenen Hitalbums Too Much fertig gestellt. My Horse Likes You heißt die neue, pferdeflüsternde Platte zur neuen Revue und versammelt unerhörtes, wildes Partyfutter im Galopp zwischen der Manie eines Screamin’ Jay Hawkins, der 1,2,3,4-Rotzigkeit der Ramones und der Energie einer wilden, außerirdischen, technoiden Affenbande mit nie gehörten Skalectro-Vibrationen. Im Ernst: Fragen Sie das FBI! Zu den Liveshows werden diesmal singende Pferde, Bauchredner´nde Affen und Orgelspielende Hunde erwartet! Meine Damen und Herren: Der Kaiser wird gleich in die Manege einreiten! Vorhang auf! Das Leben ist nichts weiter als eine große Party – und der Eintritt kostet den Verstand! Das Spektakel wird niemals untergehen! Viva Bonaparte! Hoch lebe der Kaiser! Lang lebe der Rock’n Roll...


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LAUT.DE

Einer der zahlreichen Herkunftsorte der Gruppe Bonaparte ist St. Helena, weiß deren MySpace-Auftritt. Ein kleiner Spaß für Geschichtskundige, schlug doch Frankreichs gleichnamigen Kaisers letztes Stündlein einst auf besagter Südatlantikinsel.  
Tatsächlich handelt es sich bei der Band um ein Performance-Kollektiv aus Deutschland, Frankreich, Schweiz, Österreich, Polen, Panama, Neuseeland und Brasilien. Acht Länder, acht Personen.
2006 als Idee in Barcelona geboren und angeführt von Tobias, einem Schweizer Vagabunden mit schwarzem Auge, siedeln Bonaparte nach Berlin um, sammeln Gleichgesinnte am Wegesrand auf und spielen mit Laptop und Gitarre erste Gigs im tiefsten Hauptstadt-Underground.
Diese theaterähnlichen Happenings sprechen sich auch deshalb zügig herum, weil die Protagonisten ihrer Arbeit gerne maskiert und halbnackt nachgehen. Das Publikum soll bei der Gaudi natürlich nicht außen vor bleiben. Wer auf Fragen wie "Hast du schon einmal geträumt, eine Bockwurst mit einem Discokugel-Kopf zu sein? Oder ein paranoider Fruchtsalat?" überzeugende Foto-Antworten parat hatte, wurde von der Band als Gasttänzer in der jeweiligen Heimatstadt der "Circus Show" betitelten 2008er Tour auserkoren.
In jenem Jahr hat sich die Bonparte-Party längst zum Berliner Label Staatsakt (Die Türen, Ragazzi) herumgesprochen, die dem komplett in Eigenregie aufgenommenen Debütalbum "Too Much" mit 15 kaiserlichen Electropunk-Brocken ihre Unterstützung anbieten.
Angeführt vom Revoluzzer-Hit "Anti Anti", der 2010 den Soundtrack der Komödie "13 Semester" ziert, vergrößert sich der Bekanntheitsgrad allmählich auch in der Republik. Das Ausland setzte den Zweispitz bereits in Gestalt von Quentin Tarantino und dem Montreux Jazz Festival zum Tanz auf.
Inhaltlich ist man in jedem Fall, ob betont hedonistisch oder obrigkeitskritisch, erst mal dagegen. Auch hier bietet "Anti Anti" beste Einblicke in Bonaparte'sche Weltanschauungen: "They are the millionaires and we are broke / they make a statement, well it's gotta be a joke / they drive a limousine and we ride a bike / they own the factory but we're on strike".
Musikalisch setzt das Zweitwerk "My Horse Likes You" 2010 den wilden Ritt durch die Genres fort. Elektro-Punk, Synthie-Pop oder doch Jazz?! Streich Nummer drei "Sorry, We're Open" führt den Bonaparte-Wahnsinn wieder zwei Jahre später erfolgreich weiter. Die Freaks provozieren weiterhin nicht nur mit dem Bruch musikalischer Konventionen. Ihre Liveshows bleiben mit das spektakulärste Ausdrucksmittel der internationalen Truppe.
Konventionen brechen, Aufstände (textlich) niederschlagen, Befreiungskriege (textil) anzetteln und dafür reichlich Zustimmung im Volk ernten - Bonaparte sind tatsächlich auf einer Art Napoleonischem Kreuzzug. Dass der mal auf St. Helena endet, ist eher unwahrscheinlich, schließlich waren sie da schon. Aber vielleicht auf den Kokosinseln? Zumindest führt die Bonaparte-Homepage deren landesspezifische Internet-Domain.


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DIE ZEIT
Stunde der Freaks

Wenn nichts mehr geht, ist alles möglich:
Strippende Bockwürste, lebende Fackeln und Männer in Discokugelhelmen
BONAPARTE
lädt zur großen Zirkusshow


Als das Angebot kam, auf Quentin Tarantinos Party zu spielen, saß Tobias Jundt gerade beim Frühstück und dachte: Nicht schon wieder. Es war spät geworden, wie fast jede Nacht in den letzten Wochen, einen Moment lang verspürte er einen für ihn untypischen Energieabfall, dem er durch Essenszufuhr zu begegnen gedachte. Dann allerdings fiel ihm diese eine Tänzerin ein, und weil sie dummerweise an dem Abend eine Probe hatte, überredete er sie, die Probe auf offener Bühne abzuhalten. So kam Tobias Jundt zu einem weiteren Bandmitglied – und Quentin Tarantino doch noch zu seinem Premierenpartyspektakel.

Denkwürdig der Abend in der Bar 25, jenem Open-Air-Club an der Spree, dessen Ruf weit über die Grenzen Berlins hinausgedrungen ist und der auch seinerzeit schon das Volk anzog, für das er berühmt ist: Feierwütige, EasyJet-Touristen, Prominenz und Semiprominenz auf der Suche nach Amüsemang. Jundt legt Wert auf die Feststellung, dass die aufgekratzte Stimmung nicht wegen, sondern trotz Tarantino zustande kam, der betrunken durch die Szenerie tappte – »Freunde sind wir nicht geworden, falls das der Boulevard-Aspekt der Frage gewesen sein sollte«. Und doch wurde an diesem schönen Sommerabend eines der erstaunlichsten Projekte im Pop der letzten Jahre geboren: Bonaparte.

Menschen, die auf offener Bühne Proben abhalten – so ließe es sich in seine allgemeinste Beschreibungsform bringen. Vorgegeben ist nur die Musik, alles andere ergibt sich spontan aus den Interaktionen des Kollektivs, dem Jundt als eine Art gnädiger künstlerischer Leiter vorsteht. Ein Mummenschanz erster Güte: Theatralik, Drama, Performance! Punk plus Funk plus Electroclash! Kostüme vom Flohmarkt, die die Akteure sich unterm Jubel des Publikums vom Leib reißen! Bonaparte-Konzerte sind Miniorgien, bei denen Schweiß und Kunstblut in Strömen fließen, mittendrin Jundt selbst als rockender Partykaiser im Puschelkostüm. Zusammengehalten wird das Ganze nur von viel Wohlwollen für den individuellen Ausdruck und einem ausgeprägten Sinn für die Möglichkeiten des Augenblicks. »Nichts ist geplant«, sagt Jundt, »alles passiert einfach.«

Bonaparte ist wie eine Mitfahrzentrale – wer etwas zu bieten hat, darf mit

Es ist eine Freakshow, die Tobias Jundt im Lauf der letzten vier Jahre mehr zugestoßen ist, als dass er sie bewusst konzipiert hätte. Irgendwann waren sie einfach da, Mad Kate, die Tänzerin, die ihre Kollegin Clea Cutthroat mitbrachte, Lulu, die strippende Bockwurst, Entfesselungskünstler, lebende Fackeln, eine boxende Ziege mit Identitätsstörungen, tollkühne Männer mit Discokugelhelmen und andere, teils wieder verschwundene Hobbyexhibitionisten, sie alle sprangen einfach unterwegs an Bord, genau wie in jenem Bonaparte-Video, in dem der Spaßkaiser in seinem feuerroten Spielmobil durch die Lande fährt und zum Zusteigen einlädt. Bonaparte ist eine wandelnde Mitfahrzentrale: Wer etwas zu bieten hat, ist mit von der Partie – zumindest solange der Chef es will, denn irgendeiner muss in dem Durcheinander ja die Richtung im Auge behalten.

Stetig gewachsen ist aber nicht nur die Band, sondern auch das Publikum. Die Bar 25, in der wir uns unter denselben schattigen Bäumen, unter denen das Projekt aus der Taufe gehoben wurde, zum Gespräch verabredet haben, ist nur noch eine von vielen Spielstätten, in denen der Wanderzirkus Station macht, Bonaparte füllen längst große Hallen bis auf den letzten Platz, wenn sie nicht gerade die Sommerfestivals von Roskilde bis Rock am Ring bespielen. Manchmal kriegt Jundt einen leichten Schreck, wenn er aus der Kulisse einen Blick auf das Gedränge am Einlass wirft, man hört Stimmen aus Spanien, Italien, und selbst Lena Meyer-Landrut hat sich kürzlich als Bonaparte-Fan geoutet. »Schon krass« findet er den Rummel um seine Truppe, »irgendwann ist das Ding einfach explodiert«. Ganz aus dem Nichts kommt der Erfolg freilich nicht.

Zum einen haben Bonaparte sich ihr Publikum auf eine durchaus altmodisch zu nennende Weise erspielt. Wenn es eine Konstante in dem ganzen Kommen und Gehen gibt, so lautet sie: Spielen, spielen, spielen! Jundt und seine Mitstreiter sagen selten Nein, wenn Anfragen hereinkommen. Sie haben sogar schon zwei Shows pro Abend gegeben, einfach weil sie so drauf waren, weil das Bonaparte ausmacht: immer am Anschlag zu sein, an der Grenze zur völligen physischen Erschöpfung. So etwas spricht sich herum, man bekommt neue Anfragen, es ist, als hätte sich ein Kreis geschlossen hin zu den Anfangstagen des Rock ’n’ Roll, als das Live-Ereignis noch wichtiger war als die Aufnahme davon. »Ich meine, die Beatles haben anfangs auch jeden fucking Tag gespielt«, sagt Jundt, »am Mittag eine Lunch-Show und am Abend dann eine Dinner-Show.«

Natürlich hat das Dauertouren viel mit dem desolaten Zustand der Musikindustrie zu tun: Wenn der Verkauf von Schallplatten nichts mehr einbringt, sind Auftritte die einzige Möglichkeit, sich und die Band über die Runden zu bringen. Und doch ist da in den letzten Jahren mehr entstanden als eine bloße Zwangslage, es gibt unter den Zwanzig- und Dreißigjährigen ein Bedürfnis nach Schweiß, Opulenz, Verausgabung, das er am eigenen Leib verspürt, wenn er Bonaparte unterwegs vom Computer aus managt. Jundt nennt es »Dringlichkeit«, den Wunsch, ganz unvirtuell »was zu spüren«, und wo ließe er sich umittelbarer erfüllen als im Kontakt mit der tobenden Menge? »Der Live-Moment ist heute das Direkteste und Ehrlichste, was wir haben«, sagt Jundt, ein drahtiger Endzwanziger, der auch jenseits der Bühne die Aura eines hyperaktiven Kinds mit sich herumträgt.

Nur in scheinbarem Widerspruch dazu steht die Tatsache, dass Bonaparte über massive Repräsentanzen in der digitalen Sphäre verfügen. Wer auf MySpace, YouTube oder Facebook sucht, findet Schnipsel von allen erdenklichen Auftritten, aus Russland, Frankreich und der Schweiz, woher Jundt ursprünglich stammt, und jeder Schnipsel betreibt Werbung in eigener Sache. Der Ausdruck »virales Marketing« gefällt Jundt nicht, er klingt zu sehr nach bewusster Karriereplanung, während es in Wirklichkeit um die Fortsetzung des bandtypischen Aktionismus auf digitaler Ebene geht. Sicher ist, dass die Sozialen Netzwerke entscheidend zur Verbreitung der Bonaparteschen Straßenkredibilität beigetragen haben. Anders wäre es gar nicht erklärlich, dass man gleich beim ersten Mal in Neuseeland vor ausverkauftem Haus spielt oder das Konzertpublikum in Russland jede Zeile mitsingt – vom Album können sie es nicht haben, das ist dort gar nicht erhältlich. Es ist eine global vernetzte Welt, die das Phänomen Bonaparte hervorgebracht hat, eine Welt, in der Nachrichten sich über die Foren und Plattformen der Fans rasend schnell ausbreiten, bis irgendwann ein Mann wie Quentin Tarantino Wind davon bekommt, der zur Premierenparty bitten lässt, weil er zufällig in der Stadt ist und diese hippe kleine Band aus Berlin doch was für ihn sein könnte.

»Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom-Musik« hat Jundt seine Musik genannt, und so klingt sie auch: als habe sich jemand nicht entscheiden können, in welche Richtung er gehen will, und deshalb sämtliche Hebel gleichzeitig in Bewegung gesetzt. Alles ist aus dem Stand auf 180, ständig quietscht, fiept und hupt es zu einem unruhigen, sich selbst davongaloppierenden Beat, während Jundt seine Texte wie durch ein Megafon mehr skandiert als singt: »You know Tolstoi while I know Playboy / you know economy while I believe in what I see / you know Sophie Scholl while I believe in Rock ’n’ Roll – you know much too much«. Immer wieder diese zwei Silben, »too much, too much, too much...« Man könnte es auch information-overflow-Musik nennen: Jundt klingt wie ein menschlicher Chip, der unter dem Druck der Informationsflut Zeilen ausspuckt, die er selbst nicht ganz versteht. Hauptsache, die digitale Boheme fühlt sich zum Tanzen animiert. Erst beim zweiten Hören merkt man, dass im Kostüm des Spaßdiktators ein ebenso reflektierter wie handwerklich sorgfältiger Musiker steckt. Als er damals auf dem Umweg über Barcelona nach Berlin kam, bastelte er in einer Kreuzberger Fabriketage nächtelang an seinen Stücken, ein klassisches Boheme-Szenario: keine Zentralheizung, aber viel Freiraum. Heute unterrichtet Jundt in der Zeit, die ihm zwischen dem Touren bleibt, Songwriting an der Zürcher Hochschule der Künste – obwohl: Von Unterrichten im herkömmlichen Sinn kann nicht die Rede sein. Dass sie ihr eigenes Ding machen sollen, sagt er seinen Studenten, dass in einer Welt der Schnipsel der Wert einer Arbeit darin liegt, mit welchen Zutaten man sein eigenes Süppchen kocht. »Mise en place« nennt er dieses Verfahren: Alles ist immer schon da, man muss das Beste draus machen. »You say dada, I say it rhymes«, wie es in einem seiner Stücke heißt. Helene Hegemann lässt grüßen.

Manchmal bedauert er selbst, wie wenig er bei seinem Schaffen aus eigenen Erfahrungen schöpfen kann. Keine der musikalischen Richtungen, die ihm wichtig sind, hat er in ihrer Blütezeit erlebt: nicht Jazz, nicht Punk, nicht Techno, nicht die Liedermacherei, die ihm sein Vater, ein landesweit bekannter Schweizer Chansonnier, in den Siebzigern nahebrachte. Gerne wäre er Teil einer Jugendbewegung gewesen, zumal er sich als politisch wachen Menschen sieht, doch seine Songs bleiben in der Botschaft vage. Aus Computer in Love meint man den Appell herauslesen zu können, nicht allzu viel Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen, aus Boycott Everything eine neohippieske Präferenz des Handgemachten, doch es bleiben Schnipsel unter Schnipseln. »My body is a battlefield«, singt Jundt, als gingen die Energieströme des Internetzeitalters mitten durch ihn hindurch. Mit Musik allein allerdings lässt sich das Phänomen Bonaparte ohnehin nicht erklären.

Vom Punk nehmen sie die Attitüde, vom Techno die sportive Performance

Es ist eine Haltung zur Welt, die im voranpreschenden Gestus der Lieder Form angenommen hat: Wir leben in einem Bauchladen, also nehmen wir uns einfach das Beste daraus, vom Punk die Attitüde, vom Jazz ein ausgefuchstes Gespür für Rhythmik und vom Techno ein sportives Verhältnis zur eigenen Bühnenperformance. Ein Sampling-Prinzip, das vor den Ideen nicht halt macht. Aus den Siebzigern übernimmt Jundt eine Prise Hippie-Romantik, aus den Achtzigern den Sinn für Stilbasteleien, aus den Neunzigern einen utopischen Hedonismus und aus den nuller Jahren die Einsicht, dass die Utopien letztlich aufgebraucht sind. Doch wo gar nichts mehr geht, ist auch wieder alles möglich – vorausgesetzt, man hat den Mut zur Freiheit. Jundt hat diese Partikel seines rastlosen Wesens schon damals in sich rumoren gefühlt, als er mit seinem Bonaparte-Mobil in Berlin anlandete. Was fehlte, war ein Stein, der das Ganze ins Rollen brachte. Womit wir wieder bei der Bar 25 wären.

Manche sehen in der Bar 25 bloß einen Endlosfeiertechnotempel, vor dessen Pforten sich am Wochenende Amüsierwillige aus aller Welt drängeln. Doch in Wahrheit ist die Bar 25 einiges mehr. Das idyllisch am letzten unsanierten Spreeabschnitt der Innenstadt gelegene Gelände beherbergt ein Restaurant der gehobenen Preisklasse, einen Wellnessbereich mit Sauna, ein Hostel in Form kleiner Chalets, eine Zirkusarena, wo, wenn nicht gerade ein Konzert stattfindet, Fußballspiele übertragen werden, alles aus altem Holz im Vagantenlook gezimmert. Inmitten dieses gallischen Dorfes, nur ein paar Hundert Meter von MTV und dem Universal-Gebäude entfernt, leben die Betreiber in einer Wagenburg mit Klowagen und Gemeinschaftsdusche. »Die Bar«, wie Jundt sie in zärtlicher Verallgemeinerung nennt, ist so etwas wie eine gelebte Utopie. Vor allem aber ist sie ein Kreuzungspunkt verschiedener Weltanschauungen – oder dessen, was von ihnen geblieben ist.

Ein anderer Tobias, der Musikjournalist Tobias Rapp, hat in seinem Buch über die Berliner Clubkultur nach der Jahrhundertwende beschrieben, wie hier in den nuller Jahren die ersten Frauen auftauchten, die mit ihren Ballerinakostümchen, den Fummeln vom Dachboden und der Glitzerschminke aussahen, als wären sie einer Party zum Thema »Vaudeville« entsprungen, während gleichzeitig Brandenburger Raver auf einer Ecke des großen Abenteuerspielplatzes ihren Drogenrausch ausklingen und Gestresste sich massieren ließen, Überhitzte nackt in die Spree sprangen, die Leute auf den vorüberziehenden Touristendampfern große Augen machten und über alldem der Betrieb einfach weiterging. Die Bar 25 war der Ort, an dem sich bisher getrennte Szenen zu etwas Neuem vereinigten, einer Best-of-Kultur, in der das Neohippieske gleichberechtigt neben dem Technoiden stand und das Pragmatische neben dem Wunsch, den Alltag mit allen Mitteln hinter sich zu lassen.

»Aus der Bar ist schon einiges an Energie gekommen«, sagt Tobias Jundt. Was die Bar 25 mit dem Projekt Bonaparte verbindet, ist die Mischung aus Idealismus und Realitätssinn, die als circensische Dauerparty praktiziert wird. Einerseits geht es darum, Leben und Arbeit zu einer neuen, unentfremdeten Existenzform zu verbinden. Andererseits ist dieser Lebensentwurf ideologisch abgerüstet: Während die Angehörigen früherer Subkulturen nicht selten Jahre in Planwagen umherzogen, um einen glaubhaften Outsider zu verkörpern, genügt es heute, sich in die richtige Schale zu schmeißen, und schon geht man als Angehöriger des fahrenden Volks durch.

Es ist ein neues Berlin der Kreativindustrien, das sich in Bonaparte ankündigt. Das Personal entstammt nicht mehr einer bestimmten, über die Jahre gewachsenen Szene, sondern ist international zusammengewürfelt wie die diversen Mitstreiter und Mitstreiterinnen Jundts, die es aus Mexiko, Panama, Neuseeland, Frankreich, den USA und anderen Ländern hierhergezogen hat – in der deutschen Hauptstadt lebt es sich eben noch billig. Zum neuen Party-Berlin gehört auch, dass der dabei generierte Sound der erste Sound ist, der ganz ohne Berliner Lokalkolorit auskommt und stattdessen Englisch, Russisch und Deutsch zu einem hochbeschleunigten, multilingualen Tanzbodenesperanto verquirlt. In dieser Situation allerdings sind die Konjunkturen der Hipness schwer zu steuern. Derzeit gehören Bonaparte zur Speerspitze der neuesten Spaßkultur, es gibt Fans, die auf den vagen Verdacht hin anreisen, in irgendeiner Kreuzberger Bar mit Lulu in Kontakt zu kommen, dem bärtigen Tänzer aus Paris, der sich auf Bonaparte-Konzerten in niedlichen Feinrippunterhosen präsentiert, und Mad Kate ist so etwas wie der feuchte Traum des metrosexuellen Szene-Slackers. Doch nichts ist so launisch wie das hauptstädtische Partywesen. In die Begeisterung mischen sich seit einiger Zeit böse Stimmen. Sie bringen Bonaparte mit den Scharen von Erlebnishungrigen in Verbindung, die jedes Wochenende einfallen, und beklagen, wesentliche Teile der Stadt seien zu einer Abfüllstation für Hotelgäste, Ballermanntouristen und Schulklassen aus Heilbronn geworden.

Jundt nimmt solche Vorwürfe ernst: Vielleicht war es früher wirklich schöner, als die Stadt noch arm, aber sexy war. »Berlin, nimm dich in Acht, deine Tage sind gezählt!«, deklamiert er, als wäre irgendwo eine Kamera anwesend. Aussteigen aus seiner Zeit allerdings, das kann man nun mal nicht. Zum Glück ist Bonaparte ein Projekt der flexiblen Antworten: Es existiert als bunter Vagantenhaufen, ist aber jederzeit wieder zur schlanken Eingreiftruppe umrüstbar. Sollte auch das eines Tages vorbei sein, so bleibt die Erinnerung an großartige Momente kollektiven Aus-dem-Häuschen-Seins. »Das war das Schönste«, sagt Jundt, »dass du Schlachten gewinnen konntest, die sonst nur mit Geld gewonnen werden.« Sie wurden aber mit Schweiß gewonnen. Und mit Herzblut.