treibhaus

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JURA SOYFER

Reithmannlfrau geht treibhaus: JURA SOYFER's ASTORIA

Astoria: eine bitterböse Satire auf den Faschismus und das Nazi-Regime.
In Astoria ist alles besser. Es gibt dort keine Arbeitslosen, keine Kriminalität, kein Unglück, kurz: es ist ein Ort, wohin sich jeder einfach sehnen muss. Schnell verbreitet sich die Kunde von diesem wundersamen Staat und ebenso schnell häufen sich die Anträge auf Einreisevisa und die Anfragen nach internationalen Geschäften. Es könnte also alles perfekt sein in diesem Staat, gäbe es da nicht ein kleines Problem: Astoria existiert nicht, es ist nur ein Phantasiegespinst eines Landstreichers, der nun in arge Erklärungsnot gerät.

Jura Soyfers Biographie ist eng verbunden mit zentralen Ereignissen der Weltgeschichte. Sein Werk ist geprägt von politischen Auseinandersetzungen, weltweiten Prozessen, großen ästhetischen Entwürfen. Es mag daher verwunderlich erscheinen, die Einleitung zu seiner Biographie mit einer Überschrift zu versehen, die einen persönlichen Zug wiedergibt.

Gerade dieses Lachen aber ist nicht nur ein auffälliges Merkmal seiner Persönlichkeit, das er in all den Jahren beibehalten hat - selbst unter den mörderischen Bedingungen im Konzentrationslager Buchenwald. Es prägt auch zutiefst sein strategisches Denken, seinen politischen Veränderungswillen, seinen Widerstand gegen Leid und Tod.

Und gerade in einer Zeit, da es darauf ankam, den Menschen zur Nummer zu degradieren, seine Persönlichkeit auszulöschen, sollte an erster Stelle auch ein Merkmal stehen, das den Menschen Jura Soyfer ausmachte. Das Gedenken an jene, die ermordet wurden, wird abstrakt, kann sich in sein Gegenteil verkehren, wenn nicht gerade der Mensch im Mittelpunkt steht. Diese Hervorhebung auch seiner persönlichen Züge ist daher zutiefst politisch.

Diese menschlichen Züge wurden aber in einer konkreten Zeit herausgebildet. Bereits kurz nach Soyfers Geburt im Jahre 1912 begann der Erste Weltkrieg. Das vom Bürgerkrieg geprägte Land verließ die Familie und kam nach Wien - in eine Stadt, in der durchaus auch Gewalt herrschte. Soyfer erkannte früh den drohenden Faschismus, beschrieb bereits am 5. November 1933 das KZ Dachau, als die "Arbeiter-Zeitung" noch in einer Auflage von hundertausenden Exemplaren erschien, warnte vor dem drohenden Weltkrieg, dessen Vorbereitung in vieler seiner Texte dargestellt wurde.

Jura Soyfer entdeckte aber auch neue Formen des literarischen Widerstandes. Er verstand, daß ein großer Unterschied zwischen den literarischen Wirkungsmöglichkeiten des 18. Jahrhundert und einer Massenkommunikationsgesellschaft im 20. Jahrhundert bestand. Am eindrucksvollsten spiegelt sich dies in seinem Stück "Astoria" wider.

Jura Soyfer starb am 16.2.1939 im KZ Buchenwald. Aber die Liebe seiner Freunde bewahrte sein Werk. Seine Aktualität spiegelt sich in den Übersetzungen, Aufführungen, Hörspielen, wissenschaftlichen Arbeiten weltweit wieder. Noch fehlt der Durchbruch seiner Ideen im großen Stil. Frieden, Arbeit, Demokratie, Solidarität sind aber Themen, die zunehmend am Ende dieses Jahrtausends wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskurse kommen - zugleich aber mit einem weltweiten Ansteigen der Bereitschaft zur Gewalt. Die Folgen der Gewalt in den 20 bis 40er Jahren sind evident: Gegengewalt, Zerstörung, Leid, Tod. Das Gedenken an Jura Soyfer soll nicht nur im Jahr seines 60. Todestages dazu beitragen, den Widerstand gegen diese Tendenz zu stärken. Wir sind es, die diesen Widerstand zu tragen haben, das Leben auf dieser Welt gestalten sollen - auch als Erfüllung eines Vermächtnisses von Jura Soyfers Leben und Werk.

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Noch heute lautet eine Standard-Phrase über die Zeit der 30er und 40er Jahre: Wir haben nichts gewußt. Tatsache ist, daß Soyfer im Gedicht "Reformiertes Deutsches Kirchenlied", das am 25. November 1933 in der "Arbeiter-Zeitung" (Wien) in einer Massenauflage erschien, formulierte: "Wir stehen in Dachau beim Prügeln, habt acht...".

Soyfer setzt sich aber nicht nur literarisch mit dem Faschismus auseinander. Als im März 1933 das Parlament ausgeschaltet und im Februar 1934 die Arbeiterbewegung militärisch zerschlagen wird, ist er aktiver Teil des Widerstandes. Dieser Widerstand hat drastische Folgen für ihn. Im Situationsbericht der Generaldirektion für öffentliche Sicherheit vom 18. November 1937, 9Uhr (DÖW-Akt 12 322) heißt es:
"Am 17. ds. (November 1937 - d. Verf.) wurde nach längerer Beobachtung der 25 Jährige Schriftsteller Jura Soyfer, VII. Lindengasse Nr. 41 welcher verdächtig ist, Leiter des Agitationsbureaus der K.P.Oe. zu sein und den Pressedienst der "Roten Fahne" zu redigieren, verhaftet. In seiner Wohnung wurde auch komm. Material gefunden. Gleichzeitig wurde auch seine Freundin Helene Ultmann, 21 Jahre alt, Korrespondentin bei der Firma Gerngroß A.G., IX., Löblichgasse Nr. 8 wohnhaft, verhaftet. Auch bei ihr wurde komm. Material gefunden."


Enthaftungsverfügung, Februar 1938
Am 17. Februar 1938 wird Jura Soyfer im Zuge einer Generalamnestie aus dem Gefängnis entlassen. Noch hat er Hoffnungen, daß die Besetzung Österreichs verhindert werden könnte. Am 12. März 1938 marschierte das deutsche Militär in breiter Front ein. Bereits am 11. März hatte die Finanzlandesdirektion in Feldkirch die Aufforderung erhalten, die Grenzen abzuriegeln. Am 13. März 1938 wurden Jura Soyfer und Hugo Ebner beim Versuch, in die rettende Schweiz zu kommen, von österreichischen Beamten verhaftet. Ihre Vereidigung auf "den Führer" erfolgte aber erst am 18. bzw. 19.3.1939.

Über die Gefängnisse in Bludenz, Feldkirch und Innsbruck kam Jura Soyfer ins KZ Dachau und wurde von dort am 23. September 1938 ins KZ Buchenwald transportiert.

Im KZ Dachau schrieb er das berühmte "Dachau-Lied", das von Herbert Zipper vertont wurde. Auch in Buchenwald gab er den Widerstand nicht auf. Er schrieb noch im Konzentrationslager Sketches, um seine Kameraden aufzumuntern. Etliche Zeitzeugenberichte liegen zu seinem Leiden und zu seiner Widerstandstätigkeit vor. Als in Buchenwald Typhus ausbrach, wurde er als Leichenträger eingeteilt, infizierte sich mit Typhus und verstarb am 16.2.1939 an Typhus.


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JURA SOYFER
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1. Das Lachen
Jura Soyfers Biographie ist eng verbunden mit zentralen Ereignissen der Weltgeschichte. Sein Werk ist geprägt von politischen Auseinandersetzungen, weltweiten Prozessen, großen ästhetischen Entwürfen. Es mag daher verwunderlich erscheinen, die Einleitung zu seiner Biographie mit einer Überschrift zu versehen, die einen persönlichen Zug wiedergibt.
Gerade dieses Lachen aber ist nicht nur ein auffälliges Merkmal seiner Persönlichkeit, das er in all den Jahren beibehalten hat - selbst unter den mörderischen Bedingungen im Konzentrationslager Buchenwald. Es prägt auch zutiefst sein strategisches Denken, seinen politischen Veränderungswillen, seinen Widerstand gegen Leid und Tod.

Und gerade in einer Zeit, da es darauf ankam, den Menschen zur Nummer zu degradieren, seine Persönlichkeit auszulöschen, sollte an erster Stelle auch ein Merkmal stehen, das den Menschen Jura Soyfer ausmachte. Das Gedenken an jene, die ermordet wurden, wird abstrakt, kann sich in sein Gegenteil verkehren, wenn nicht gerade der Mensch im Mittelpunkt steht. Diese Hervorhebung auch seiner persönlichen Züge ist daher zutiefst politisch.
Diese menschlichen Züge wurden aber in einer konkreten Zeit herausgebildet. Bereits kurz nach Soyfers Geburt im Jahre 1912 begann der Erste Weltkrieg. Das vom Bürgerkrieg geprägte Land verließ die Familie und kam nach Wien - in eine Stadt, in der durchaus auch Gewalt herrschte. Soyfer erkannte früh den drohenden Faschismus, beschrieb bereits 1932 das KZ Dachau, als die "Arbeiter-Zeitung" noch in einer Auflage von hundertausenden Exemplaren erschien, warnte vor dem drohenden Weltkrieg, dessen Vorbereitung in vieler seiner Texte dargestellt wurde.
Jura Soyfer entdeckte aber auch neue Formen des literarischen Widerstandes. Er verstand, daß ein großer Unterschied zwischen den literarischen Wirkungsmöglichkeiten des 18. Jahrhundert und einer Massenkommunikationsgesellschaft im 20. Jahrhundert bestand. Am eindrucksvollsten spiegelt sich dies in seinem Stück "Astoria" wider.
Jura Soyfer starb am 16.2.1939 im KZ Buchenwald. Aber die Liebe seiner Freunde bewahrte sein Werk. Seine Aktualität spiegelt sich in den Übersetzungen, Aufführungen, Hörspielen, wissenschaftlichen Arbeiten weltweit wieder. Noch fehlt der Durchbruch seiner Ideen im großen Stil. Frieden, Arbeit, Demokratie, Solidarität sind aber Themen, die zunehmend am Ende dieses Jahrtausends wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskurse kommen - zugleich aber mit einem weltweiten Ansteigen der Bereitschaft zur Gewalt. Die Folgen der Gewalt in den 20 bis 40er Jahren sind evident: Gegengewalt, Zerstörung, Leid, Tod. Das Gedenken an Jura Soyfer soll nicht nur im Jahr seines 60. Todestages dazu beitragen, den Widerstand gegen diese Tendenz zu stärken. Wir sind es, die diesen Widerstand zu tragen haben, das Leben auf dieser Welt gestalten sollen - auch als Erfüllung eines Vermächtnisses von Jura Soyfers Leben und Werk.

2. Charkow
Die Geburtsstadt von Jura Soyfer entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts enorm. 1911 zählte die Stadt 198.000 Einwohner, 1917 schon 378.000. Es war ein Stadt mit einer großen Vielfalt von Nationalitäten und Religionen, in die Soyfer am 8.12.1912 (nach russischem Kalender am 25. November) geboren wurde.

Auch sein Vater, Wladimir Soyfer, war einer der Zuwanderer. Aus der Geburtsurkunde wissen wir, daß er aus der Stadt Mariupol (Südukraine) war. Im Geburtsjahr seines Sohnes Jurij war er Kaufmann der 1. Gilde und besaß große Lager von Metall, Zement und Kohle, Ölfarben und Ölfirnis. Auch während der Zeit des Krieges schien der Reichtum der Familie zu wachsen, was auch ein Grund für den oftmaligen Wohnungswechsel gewesen sein könnte. In dieser reichen russisch-jüdischen Familie gibt es für Jura Soyfer und seine fünf Jahre ältere Schwester Tamara bereits in jungen Jahren die Möglichkeit, Französisch zu lernen, denn die Mutter, Ljubov Soyfer, war darauf bedacht, daß auch diese Sprache zu Hause gesprochen wurde, und sie war außerdem literarisch interessiert. Soyfers erste Gedichte entstehen in dieser Sprache.
Hatte der Kriegsbeginn im Jahre 1914 noch keine großen Auswirkungen auf die Familie Soyfer gehabt, so ändern sich die Verhältnisse um 1918. Die Stadt Charkow wird zwischen 1918 und 1920 von unterschiedlichen Truppen der Bürgerkriegsparteien eingenommen. 1920 verläßt die Familie Soyfer per Schiff die Ukraine, bleibt einige Zeit in Konstantinopel und trifft schließlich im April 1921 in Wien ein.


3. Wien
Auch Wien, wo die Familie Soyfer im April 1921 zunächst in der Pension Amerika in der Kinderspitalgasse wohnte, war eine von vielen Nationalitäten geprägte Stadt. Die sozialen Unterschiede waren groß, die Auseinandersetzungen durchaus auch gewaltsam.
Aufgrund der Gesetzeslage, daß jemand, der eine österreichische Staatsbürgerschaft wollte, sie in einer Gemeinde (nicht in Wien) beantragen mußte, ging die Familie zunächst nach Baden bei Wien, wo sie in der Strasserngasse 13 vom Mai 1921 bis zum August 1922 eine Villa bezog. Wladimir Soyfer fand rasch Anschluß an das Geschäftsleben. Zudem waren nicht wenige Emigranten aus der Ukraine/Rußland nach Wien gekommen, mit denen er gemeinsame Projekte durchführte. Einer davon war Rapoport, mit dessen Sohn Samuel M. Rapoport (Mitja) sich Jura befreundete. Es sollte eine tiefe Freundschaft für das ganze Leben werden.
1923 zieht die Familie nach Wien, wo sie in der Gärtnergasse 4 im dritten Bezirk eine Dreizimmerwohnung mietet. Sie hatten eine Köchin, ein Zimmermädchen und die französische Gouvernante, die die Familie auf der Flucht begleitet hatte.
Auch in Wien kam es zu einem häufigen Wohnungswechsel. Diesmal aber geprägt durch den finanziellen Abstieg der Familie. Hatte sie die Zeit der Inflation noch gut überstanden, so wurde Wladimir Soyfer in seiner Geschäftsausübung als "Ausländer" (obwohl die Familie seit 1926 die österreichische Staatsbürgerschaft hatte) behindert. Der Chauvinismus, Rassismus, der in Wien in diesen Jahren das Leben prägte, mag vielleicht auch ein Grund für die Toleranz gegenüber dem politischen Engagement seines Sohnes gewesen sein. Die Familie unterstützte Jura, als er von der austrofaschistischen Polizei verhaftet wird, versucht seine Entlassung aus dem KZ Dachau bzw. KZ Buchenwald zu erwirken. Doch nach der Besetzung Österreichs durch Hitler-Deutschland sind sie selbst in hohem Maße bedroht und verlassen das Land. Am 9. Februar 1939 treffen Wladimir, Ljubov und Tamara Soyfer in New York ein, wo sie bis zu ihrem Lebensende bleiben werden.

4. Zeit des Widerspruches

Auch in Wien wuchs Jura Soyfer in behüteten Verhältnissen auf. Dies war eine gute Voraussetzung dafür, um sich in die neuen Verhältnisse hineinzufinden. Zu Hause wurde noch Russisch und Französisch gesprochen. Doch die Sprache des Spielplatzes, der Schule war vor allem Deutsch.
Im Herbst 1923 trat Jura Soyfer in das Bundesrealgymnasium in der Hagenmüllergasse ein. Heinz Pohl, heute ein Geschichtsprofessor in Pension, erinnert sich hauptsächlich an die Schlachten mit Zinnsoldaten, die er mit seinem Banknachbarn aus jenen Jahren auf einem Holztisch durchkämpfte.Doch mit dem Juli 1927, dem Brand des Justizpalastes, wird auch Jura Soyfer politisiert. Soyfer tritt den Sozialistischen Mittelschülern bei. 1929 beginnt seine Mitarbeit beim Politischen Kabarett der Sozialdemokratischen Partei. 1930 publiziert er erstmals im "Schulkampf" und in der "Arbeiter-Zeitung". Es ist die Zeit des Widerspruches, des beginnenden politischen Engagements, die aber auch geprägt ist von der ersten Liebe, Wanderungen, Skiausflügen, Tennisspiel und Freundschaften. 1931 macht Jura Soyfer seine Matura und inskribiert Deutsch und Geschichte an der Universität Wien.
Mehr und mehr gewinnt die literarische und die politische Tätigkeit für ihn an Bedeutung. Ab dem Dezember 1931 beginnt er regelmäßig unter dem Namen "Jura" in der "Arbeiter-Zeitung" zu publizieren. Zwei Aspekte treten dabei vor allem in den Vordergrund: die Bedrohung durch den Faschismus und (eng damit verbunden) durch einen möglichen Weltkrieg. Rückblickend lesen sich die Gedichte aus den Jahren 1931-1934 wie ein großes Epos über den aufsteigenden Faschismus und den Widerstand dagegen, in deren Mittelpunkt Hitler steht. Es ist ein "Epos", das durch globales Denken geprägt ist, auch wenn die Sprachverwendung auf die LeserInnen der "Arbeiter-Zeitung" zielt.
Ein wichtiges Erlebnis in diesen Jahren war eine Tippeltour durch Deutschland. Jura Soyfer schreibt Reportagen über einen entscheidenden Abschnitt der Auseinandersetzungen zwischen Demokratie und Faschismus, erlebt die emotionalen, verbitterten, heftigen Diskussionen, die auch von Gewalt begleitet werden. Eine Zerissenheit, die sich in anderer Art und Weise in Österreich wiederfindet.
Nach der Niederlage der Arbeiterbewegung im Februar 1934 versucht Jura Soyfer, diese Zeit in einem Roman aufzuarbeiten. Der Roman ist ebenso wie ein Drittel seines Werkes verschollen. Geblieben ist ein Fragment von äußerster Dichte. Es ist eines der besten Werke über die Auseinandersetzung jener Zeit, mit lebendigen Figuren und einer großen Spannweite. In den 70er und 80er Jahren haben nicht wenige durch das Romanfragment "So starb eine Partei" zu verstehen gelernt, welches die Zeit ihrer Eltern und Großeltern war und wurden dadurch selbst zu politischen Engagement ermuntert.

5. Astoria

Heute, in den 90er Jahren, gibt es eine fast unübersehbare Menge Literatur über jene Zeit. Das hat sie für viele nicht verständlicher gemacht. Zum Lernstoff degradiert ist sie meist nicht mit lebendiger Entdeckung verbunden. Und so scheinen auch die Kämpfe jener Zeit zur bloßen Bildung verkommen zu sein.
Und doch ist diese Zeit noch lebendig. Nicht nur in jenen Freunden und Mitkämpfern Jura Soyfers, die heute noch leben, die in dieser Zeit geliebt, gelitten, gekämpft, gelacht haben. Und so lebendig von dieser Zeit erzählen können - wie Helli Andis (Ultmann), Samuel M. Rapoport (Mitja), Leon Askin. Viele von ihnen sind heute aber auch schon verstorben.
Lebendig wird diese Zeit aber erst, wenn man versteht, welche Probleme, Hoffnungen, Wünsche aus dieser Zeit auch noch heute bestehen. Weder ist der Ausländerhaß verschwunden, noch Kriege, die auf der Basis nationalistischer Propaganda geführt werden. Armut und Arbeitslosigkeit gibt es noch, große soziale Gegensätze. Und auch die Hoffnungen auf eine Veränderung dieser Welt sind nicht verschwunden und auch nicht die Solidarität.

Das beste Stück über diese Zeit und unsere Zeit ist wohl "Astoria". Es zeigt, wie Realitäten durchaus auch von Virtualitäten beeinflußt werden können. Ein erfundener Staat macht sich selbständig, wird zur Realität, obwohl es dafür nach dem langläufigen Verständnis keine Basis gibt: er hat keine Geschichte, kein Land und wird dennoch geschichtsmächtig, genährt durch Träume und Wünsche, die bitter betrogen werden. Das Stück zeigt aber auch ein wichtiges Element der Massenkommunikationsgesellschaft. Die Wahrheit über Astoria wird enthüllt und der Enthüller wird ausgelacht. Die lineare Kommunikation hat nicht funktioniert.


Aber auch die anderen Stücke greifen Themen auf, die heute hoch aktuell sind: die Schuld an der Arbeitslosigkeit im "Lechner Edi schaut ins Paradies", die Widersprüchlichkeit der Welt auch angesichts der Bedrohung durch Untergang in "Der Weltuntergang", die Bedeutung des Lebens in "Vineta", die Welt, die zu Karten wird in "Broadway-Melodie 1492".
Und trotz der Gewichtigkeit der Themen, mit denen sich Soyfer auseinandersetzt, verbleibt der Spaß im Umgang mit den Texten. Es sind Entdeckungen der Vergangenheit und Gegenwart, die Lachen auslösen und als Teil eines Denkprozesses auch auslösen sollen. Es ist dieses Lachen, das Soyfer der Diktatur, dem Krieg, dem Tod entgegensetzte. Er konnte das Leid und die Morde nicht verhindern. Aber er hat auch manchem und mancher mit seinen Texten Hoffnung gegeben, die das Zerbrechen verhindert hat. Und diese grundlegende Bedeutung verbleibt in den Zeiten der Windstille, der Niederlage und der Depression.

6. Der Weg in den Tod

Noch heute lautet eine Standard-Phrase über die Zeit der 30er und 40er Jahre: Wir haben nichts gewußt. Tatsache ist, daß Soyfer im Gedicht "Reformiertes Deutsches Kirchenlied", das am 25. November 1933 in der "Arbeiter-Zeitung" (Wien) in einer Massenauflage erschien, formulierte: "Wir stehen in Dachau beim Prügeln, habt acht...".

Soyfer setzt sich aber nicht nur literarisch mit dem Faschismus auseinander. Als im März 1933 das Parlament ausgeschaltet und im Februar 1934 die Arbeiterbewegung militärisch zerschlagen wird, ist er aktiver Teil des Widerstandes. Dieser Widerstand hat drastische Folgen für ihn. Im Situationsbericht der Generaldirektion für öffentliche Sicherheit vom 18. November 1937, 9Uhr (DÖW-Akt 12 322) heißt es:
"Am 17. ds. (November 1937 - d. Verf.) wurde nach längerer Beobachtung der 25 Jährige Schriftsteller Jura Soyfer, VII. Lindengasse Nr. 41 welcher verdächtig ist, Leiter des Agitationsbureaus der K.P.Oe. zu sein und den Pressedienst der "Roten Fahne" zu redigieren, verhaftet. In seiner Wohnung wurde auch komm. Material gefunden. Gleichzeitig wurde auch seine Freundin Helene Ultmann, 21 Jahre alt, Korrespondentin bei der Firma Gerngroß A.G., IX., Löblichgasse Nr. 8 wohnhaft, verhaftet. Auch bei ihr wurde komm. Material gefunden." (Schreibweise laut Original- d. Verf.)
Über die Zeit im Gefängnis und später dann auch im Konzentrationslager gibt es einen Briefwechsel, der Einblicke in das gibt, was in Soyfer vorging (Jura Soyfer, Sturmzeit, Briefe, hrsg. von Horst Jarka, Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1991).

dankend geliehen von www.soyfer.at